Loslassen – endlich: von alten Geschichten und neuen Erkenntnissen

20180523_130528-01.jpeg

Das Foto oben zeigt ein recht wichtiges Häufchen meiner Vergangenheit, fein säuberlich zerrissen und zusammengekehrt; das ist der Großteil meiner Schreiberei, die ich im Alter von 17 bis etwa Mitte 20 verbrochen habe, und die Umschreibung “verbrochen” trifft es in Teilen tatsächlich am besten. Ich war nie sonderlich fanatisch interessiert an etwas: Musik habe ich immer gerne gehört, aber ungern selbst produziert – Ausflüge in Gitarre- und Klavierstunden haben mich Ehrfurcht, aber keine musikalische Passion gelehrt –, und um die mütterlichen Träume von der Karriere auf den Ballettbühnen dieser Welt zu erfüllen, war ich zu pummelig und tollpatschig (Stichwort “trächtige Elefantenkuh”). Für die bildnerische Kunst war ich zwar zu begeistern, aber nur bedingt kreativ genug (schon mal Kataloge für moderne Kunst gelesen und nicht geweint dabei?), und generell war ich meist zu ungeduldig, um etwas von der Pike auf zu lernen. Nur gelesen habe ich immer schon gerne, und weil ich das geschriebene Wort gerne konsumiert habe, habe ich es auch immer gerne selbst produziert (was auch erklären mag, warum ich einfach gerne vor mich hinblogge). Mein Leben schreibend zu dokumentieren, durchaus auch als Geschichte verpackt, das begleitet mich schon seit meinem vierten Lebensjahr, als ich meinem Onkel die Geschichten diktieren musste, weil ich noch nicht selbst schreiben konnte … (vielleicht habe ich ja doch eine kleine Passion, wer weiß).

Mit Ausnahme der letzten paar Jahre habe ich meist dann besonders viel geschrieben, wenn es mir nicht besonders gut ging. “Viel” ist in diesem Fall nicht gleichzusetzen mit “gut”, aber es heißt ja im allgemeinen immer, dass nur die Übung die Meisterin macht und natürlich war auch bei dem vielen das ein oder andere dabei, das durchaus verwertbar war – was wiederum nichts heißt. Das Alter zwischen 17 und 19 hat mir nicht nur einen Wechsel ans Abendgymnasium und den frühen Auszug aus dem familiären Zuhause beschert, sondern dank allgemeiner Seelchenwehwehs eine satte Sammlung an Gedichten, die einmal mehr beweisen, dass Lyrik nicht meine Welt ist – passiv schon nicht, aber aktiv nochmal viel weniger… Gücklicherweise wusste ich das tatsächlich immer und auch damals schon, weshalb ich diese Verbrechen an der linguistischen Grundästhetik auch nie jemandem gezeigt habe. Die Kurzgeschichten sind zwar ein wenig erträglicher, aber trotzdem bin ich in der Retrospektive froh, dass ich zu feige war, hier irgendwas an einen Verlag zu schicken, um dort das Ästhetikempfinden eines Lektoratspraktikanten mit meinen kreativen Ergüssen zu beleidigen. Den allgemeinen Weltschmerz haben seit Goethe und Poe schon viele mal mehr mal weniger bestechend zu Tode geritten, da hat meiner wirklich nicht gefehlt…

Doch trotz dieser klaren Erkenntnis, habe ich meine gesammelten Ergüsse seit gefühlten (und fast schon tatsächlichen) Jahrzehnten mit mir herumgeschleppt, bei jedem Umzug, manchmal sogar in Urlaube, zur Arbeit oder in die WGs diverser Lebensphasenabschnittsgefährten – immer hoffnungsfroh, dass sich aus dem Zeugs was machen lässt. Die späten Zwanziger mit Antidepressiva, Therapie und Arbeit an mir selbst haben mich dann erkennen lassen: Nö. 95 Prozent nö. Manche Idee vielleicht ganz nett, aber ansonsten nö. Die Erkenntnis war auch nicht mal sonderlich schlimm, denn vieles von dem, was ich da so produziert hatte, konnte ich schlecht weiter bearbeiten, weil es zu nahe an mir war, und dieses ich, dem es nahe war, war mittlerweile weit weg. Zum Glück. Aber wir kennen es alle: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Oder vielleicht war es auch der Nostalgiefaktor des Geschreibsels – diese Sehnsucht nach einfacheren Zeiten, als Charles Bukowski noch mein Idol war und mir alle Geschichten nach zwei Bieren flockig von der Hand gingen (mit origineller Orthographie ab dem fünften Bier, weil: Buk ist der Meister, ich war nur Novizin), alles easy cheesy wonderful. Auf jeden Fall hat auch mein eindeutiges “nö” nicht dazu geführt, dass ich mich von diesem Haufen an gesammelten Schreiberfahrungen getrennt hätte. Es war irgendwie Teil von mir, bei manchen Geschichten wusste ich noch genau, wie sie entstanden sind, ein Bier links neben dem Laptop, ein großer, halbvoller Aschenbecher rechts davon, Kippe in der Hand, und ab ging die Luzi. Ich hätte es als Verrat an meinen Träumen und Hoffnungen empfunden, wenn ich diese alten Papiere, diese alten Geschichten, diesen ganzen alten Wahnsinn, einfach weggeworfen hätte.

Bis vor ein paar Tagen. Zwei Ordner voll zeigt der Haufen in dem Bild oben, fein säuberlich zerrissen, weil es das einfach brauchte, diesen katharsischen Effekt der Zerstörung als eine Art von Verabschiedung. Nichtsdestotrotz ist alles weg bis auf zwei neuere Geschichten und ein paar Kommentare, die ich damals in der örtlichen Straßenzeitung veröffentlichen durfte (das ist glücklicherweise schon so lange her, dass sich außer meiner Mutter und mir kein Mensch mehr daran erinnern kann). Von zwei Foldern auf ein kleines Klappmäppchen – ein Befreiungsschlag. Nach mehreren ersten Schritten in Richtung Decluttering und Ausräumen bin ich in dem ganzen Minimalismus-Ding mittlerweile natürlich auch so weit fortgeschritten, dass es in einigen Bereichen ans eingemachtere geht, weswegen dann diese Regalleichen auftauchen. Und nach all den Jahren, in denen ich treudoof meinen verschriftlichten Weltseelenherzschmerz mit mir rumgeschleppt habe, war auf einmal ganz klar, dass damit jetzt Schluss ist. Digital habe ich das meiste ohnehin noch gespeichert, auch wenn ich mir sicher bin, dass ich es höchstwahrscheinlich nie wieder bearbeiten werde. Doch digital nimmt es mir weder Platz noch Energie, da darf es ruhig bleiben. Beim Anblick des Häufchens Papier in unserem Büro habe ich mich aber richtig befreit gefühlt, als wäre nun wieder Platz für neues, obwohl es das ja immer gewesen ist, so viel Platz haben die zwei Ordner schließlich nicht eingenommen. Aber in den meisten Büchern und Blogs zum Thema Minimalismus liest man immer mal wieder, dass es befreiend wirkt, sich von materiellen Dingen zu trennen, und dem kann ich tatsächlich nur immer wieder zustimmen. Selten habe ich es so deutlich und auch nachhaltig auf mehreren Ebenen – vor allem auch in meinem Inneren – gemerkt wie in Zusammenhang mit diesen uralten Geschichten, die ich nun endlich hinter mir gelassen habe …
Ich habe schon lange keine Geschichten im klassischen Sinne mehr produziert, wer weiß, wann die Zeit dafür wieder einmal reif ist. Ob sie jemals wieder reif dafür ist. Aber immerhin habe ich das befreiende Gefühl, bei Null (oder vielleicht Null-Komma-Null-Fünf) starten zu können, sollte es mich jemals wieder packen. Und das Wissen, dass ich nicht immer alles bis in alle Ewigkeit mit mir rumschleppen muss, nur um mich vielleicht daran zu erinnern, was ich gerne tue und wieder mal tun könnte. Irgendwie startet man ohnehin irgendwie meistens neu, zumindest wenn man etwas schreiben möchte, da muss nicht zuviel Ballast sein. 

 

 

“Sag Suppe” — “Süppé” (The Simpsons, S05e20)

20180504_184235-01.jpeg

Ich bin der Inbegriff einer begeisterten Suppenliese (der Held meines Herzens nennt mich immer “Suppenkaspar”, was aber an sich nicht stimmt, weil ich ja das genaue Gegenteil bin). Seit er mich das erste Mal damit überrascht hat, darf und muss der besagte Held meines Herzens mich regelmäßig — in der kalten und kälteren Jahreszeit mindestens einmal wöchentlich — mit einem große Topf selbstgemachter Suppe beglücken, weil es einfach nichts besseres gibt. Zumindest fällt mir jetzt absolut nichts besseres ein. Außer vielleicht ganz viel Liebe und eine feste Umarmung — also quasi Suppe im übertragenen Sinn.

Bis vor wenigen Monaten war unsere Suppe eine zünftige Rindssuppe. Markknochen und Suppenfleisch vom Rind haben zusammen mit viel Gemüse für ein wunderbares Aroma gesorgt, und ich war mir in unserer vegetarischen Anfangszeit nicht ganz sicher, ob ich die Umstellung von der Fleisch- zur reinen Gemüsesuppe ohne gröbere Stimmungs- und Geschmackseinbrüche überstehen würde. Nicht dass ich mir der vegetarischen Sache nicht sicher bin: Tiere sind Freunde und kein Futter. Das ist klar. Aber ähnlich wie damals, als ich ungefährt alle paar Monate mit dem rauchen aufgehört habe, steht auch hier die bewusst und wohlüberlegt getroffene Vernunftentscheidung dem schieren Gusto gegenüber: ich habe immer wenig Fleisch gegessen (weil ich nicht gerne koche, und Fleisch war mir immer zu viel Aufwand), aber ein schönes blutiges Steak alle paar Monate mal war immer sehr lecker und hochbegehrt. Ich rauche seit über drei Jahren nur mehr alle paar Wochen/Monate, wenn ich was trinke oder mit Raucherfreunden zusammen sitze; beim Fleisch möchte ich konsequenter sein (vor allem weil ich deutlich weniger Raucher- als Fleischesserfreunde habe — da müsste ich ja sonst mehr totes Tier essen als in prävegetarischen Zeiten). Das wird mir wahrscheinlich auch leichter fallen, da ich mich an sich nicht sonderlich für Essen interessiere und zwar durchaus gerne lecker esse, aber solange es Nährwert hat, esse ich auch unlecker (klingt komisch, ist aber so: mir ist wichtiger, dass etwas “gesund” ist, als dass es allumfassend unbeschreibliche Gaumenfreuden auslöst — das wäre bei meinen Kochkünsten auch deutlich zu viel erwartet…). Deutlicher formuliert: Rauchen war für mich immer ein Genussmittel, Essen ist für mich Mittel zum Zweck der Erhaltung meiner körperlichen Funktionen u.ä. In Zeiten der geradezu inflationär produzierten Kochshows wohl keine sonderlich populäre, aber eine durchwegs rationale Haltung, die mir den Zugang zum Thema Ernährung für meine Befindlichkeiten immer schon deutlich erleichtert hat. Suppe hat jedoch einen absolut außergewöhnlichen Stellenwert in diesem meinem kleinen Kochkosmos, wahrscheinlich gerade deshalb, weil ich die Suppe nicht selbst mache, sondern nur dabei zusehe.

Nun also Gemüsesuppe. Der erste Durchgang war eigenartig, ungewohnt, gewöhnungsbedürftig. Beim zweiten Mal überwog die Begeisterung, wie viel gesünder unsere Suppenorgien jetzt doch sind, wo kein totes Tier mehr mit im Wasser schwimmt. Und nun, nach mittlerweile unzähligen Portionen leckerster hausgemachter Gemüsesuppe, möchte ich es auch gar nicht mehr anders. Wenn man es nämlich ganz nüchtern betrachtet, ist Essen ähnlich wie vieles andere auch schlicht und ergreifend nur Gewohnheitssache. Was ich gerne und oft esse, möchte ich gerne und noch öfter weiteressen. Was ich ausnehme, fehlt mir irgendwann mal nicht mehr. Nicht mal mein früher so geliebtes blutiges Steak. Oder eben das Rind in der Suppe.