Marie Kondo eröffnet einen Onlineshop

… und schon ist die Kacke am Dampfen, in vielerlei Hinsicht.

Marie Kondo räumt für andere Leute aus und um und organisiert die Dinge ihres Lebens und Hausens. Vor einigen Jahren hat sie dazu ein Buch geschrieben – Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert – und dann noch gleich zwei weitere zum selben Thema nachgelegt, weil das in den Marketingabteilungen dieser Welt gerne so gemacht wird, Motto: da geht noch was. Als Beispiel sei hier etwa Allen Carr mit seiner Endlich Nichtraucher-Reihe (später dann auch Endlich schlank u.ä.) zu nennen. Und auch Mark Manson hat “fuck” zum Lebensmotto erhoben, digital wie analog – eben hauptberuflich lässig. Es darf also getrost das gleiche KonMari-Konzept in neue Marketing-Mäntelchen gekleidet werden, immerhin ist ihre Botschaft eine recht interessante, die auch mir das Leben schon massiv erleichtert hat: Menschen besitzen zu viele Dinge und werden von diesen erdrückt – finde heraus, was dir besondere Freude bereitet (im Englischen schöner umschrieben mit der Formulierung “find the things that spark joy”) und entledige dich des Rests, um Ordnung und Platz für die freudigen Dinge des Lebens zu schaffen. Wie gesagt, auch ich komme mittlerweile entspannter durchs Leben, weil um recht viel Plunder erleichtert. In diesem Sinne: danke Marie Kondo!

Kondobooks2020
Freude schöner Götterfunken, neue Bücher gibt’s auch bald wieder …

Nun hat Kondo mittlerweile nicht nur drei Bücher und eine Netflix-Show im CV (neben ihren beruflichen Erfahrungen prä-KonMari), sondern vor kurzem auch ihren eigenen Onlineshop eröffnet, was ihr vor allem aus der Lifestyle-Community, aber auch ganz allgemein Schimpf und Häme eingebracht hat. Auf mehreren Ebenen stellt sich allerdings die Frage, warum das so ist.
Die seit einigen Jahren sehr erfolgreiche Minimalismus-/Bewusster-Konsum-/Slow-Living- und Fair-Fashion-Welle, deren verschiedene Elemente letztendlich doch immer irgendwie ineinanderzugreifen scheinen, bringt auch Marie Kondo viel Erfolg. Ihr “Spark Joy”-Konzept findet Anklang bei allen, die ihr Leben und die Dinge darin lieber sinnvoll nutzen und nicht masseverwalten wollen – auch mir hat ihr Buch ausgezeichnet geholfen, vor allem meine Klamotten und verschiedenen Tinnef auf ein für mich erträgliches Maß zu reduzieren. Bei allem Erfolg ihrer Methose hätte ich ihr Konzept aber nie so verstanden, dass man einen gewissen Anteil an Sachen wegwerfen MUSS, um nach der KonMari-Methode zufriedener und ordentlicher zu leben. Jede und jeder entscheidet selbst, was und wie viel das Haus verlässt. Unkenrufe a’la “erst räumt sie uns die Bude aus und nun will sie es mit ihrem eigenen Zeug füllen” scheinen mir in diesem Zusammenhang nicht nur übertrieben und lächerlich, sondern auch sachlich falsch. Wer seine Bude dank der KonMari-Methode ausgeräumt hat, hat diese Leistung eigenverantwortlich vollbracht und die Methode in diese Richtung angewandt.

Kondotuningfork
Eines der Produkte, das mit ein wenig Backgroundinfo womöglich mehr Sinn machen würde. Und den Horizont erweitern, was ja auch nicht schlecht ist.

Natürlich ist die Sinnhaftigkeit der Anschaffung einer Stimmgabel mit Rosenquartz für schlanke 75 Dollar für den neo-minimalistisch reduzierten Haushalt ein wenig fragwürdig. Und ob eine Teedose oder simple Hausschlappen tatsächlich 200 bzw. 206 Dollar kosten müssen, kann auch diskutiert werden. Tatsache ist, dass Kondo in ihrem Shop Designobjekte aus (selbst deklarierter) hochwertiger Produktion zu den entsprechenden Preisen anbietet. Dass sich manche Produkte dabei auch ein wenig an der japanischen Lebensart orientieren, wird bei diversen Kritiken gerne übersehen. Dass mittelmäßige US-amerikanischen Schauspielerinnen schon seit Jahren völlig überteuerten, kulturrelativistischen Ramsch ohne viel Hintergedanken sehr erfolgreich verkaufen, und sich damit ihr eigenes kleines Imperium aufgebaut haben, wird ebenso geflissentlich ignoriert. Immerhin will Gwinny ja nur, dass wir unsere Vagina dampfreinigen und uns nicht gleich den Kleiderschrank um ein Drittel reduzieren. Kondos Schritt zum eigenen Onlineshop wird verteufelt als hätte sie mit Walmart eine Partnerschaft zur Berümpelung der Welt abgeschlossen. Dabei ist sie selbst keine Minimalistin im Sinner des aktuellen Zeitgeistes – sie hilft beim Aufräumen und Organisieren von Dingen, sie vertritt die Idee, dass wir unsere Besitztümer wohlbedacht auswählen sollen, aber sie ist nicht im selben Fahrwasser wie Leo Babauta, Ryan Nicodemus und Joshua Fields Milburn oder Joshua Becker unterwegs. Sie wird nur gerne in Zusammenhang mit dieser Strömung vermarktet, weil es sich eben marketingtechnisch anbietet. Trotzdem sind ihre Beweggründe und Ziele andere. Sie also aus diesem Minimalismus-usw-Background raus zu kritisieren, macht inhaltlich weniger Sinn, als so manchen auf Instagram, Twitter, oder wo auch immer die Wellen hochgingen, klar sein mag.

Kondoflowertote
In den USA mit Zero Waste produziert – es gibt schlimmeres. Ob sich der Beutel sofort auflöst, sobald man statt Grünzeug mal Brot oder Bücher transportiert , ist ein Rätsel, das ich nicht lösen werde. 

Sportliche Geldscheffelei kann und soll immer kritisch im Auge behalten werden, keiner von uns ist über jede Kritik erhaben, auch und gerade Marie Kondo nicht. Dass sie ihre seit einigen Jahren währende Popularität auch unternehmerisch nutzen will, mag irritieren, ist aber ihr gutes Recht und sie ist damit auch in bester Gesellschaft. Ein Blick auf Instagram zeigt, dass man aus vielem ein Geschäft machen kann – was Individuen teils auch mehr Freiheiten bringt und nicht per se schlecht ist, Schwarzweißmalerei bringt uns dann aber alle zusammen nicht weiter. Denn die Message von Minimalismus- und Slow-Living/Shopping-Influencer_innen, die ReUse und ähnliches predigen, und dann wöchentlich den neuesten Shit auf ihrem Account vorstellen, weil ihnen der ‘kostenlos zur Verfügung gestellt wurde”, darf man dann manchmal auch hinterfragen. Ja klar, hier beißt sich die Katze in den Schwanz denn viele kleine Labels, die tolle Sachen leisten und machen, brauchen genau dieses Marketing, da viele andere Maßnahmen zu teuer sind und man sie sonst überhaupt nicht wahrnehmen könnte. Trotzdem zeigt sich hier eine von vielen Grauzonen, in denen wir uns immer wieder bewegen, weil es eben nicht immer so eindeutig Schwarz oder Weiß läuft.

Also lasst doch Marie auch einfach ein bisschen in der Grauzone laufen, in $206-Schlappen und perfekt eingeschwenkt mit ihrer Stimmgabel-Kristall-Kombo, weil: warum denn nicht? Muss ja keiner kaufen. Und tut – zumindest gemäß der Produktangaben – keinem weh.