Das war dann wohl nichts – gute Vorsätze in schlechter Umsetzung

Attitude is everything

Mein letzter Post erschien vorgeplant am 2. April (verfasst zwei Tage zuvor) und somit zeitlich ohne meine aktives Zutun. Am 1. April ist meine Oma gestürzt und hat sich einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen, Not-OP und helle Aufregung inklusive. Nachdem ich doch eine recht enge Beziehung zu meiner Oma habe – ich habe einen Großteil meiner Kindheit bei meinen Großeltern verbracht – hat mich das naturgemäß ein wenig aus meiner Spur gewuppt. Nicht dramatisch, aber doch ein bisschen “fuck it” im Abgang. Und mit weniger Selbstkontrolle als ohnehin schon nicht vorhanden.

The road to hell is paved with good intentions …

Langer Rede kurzer Sinn, das mit dem “mal nichts shoppen” ist nichts geworden – ich habe an der einen oder anderen Stelle zwar schon um einiges bewusster konsumiert, als ich es vielleicht noch vor einem halben Jahr getan hätte, aber nichtsdestotrotz ist “weniger” und “bewusster” immer noch wesentlich mehr als “nichts”. Dabei war ich aber immerhin nicht gänzlich unreflektiert und durfte einige kleinere Geistesblitze erleben, die mir hoffentlich weiterhelfen – abseits der bereits im letzten Posting geäußerten Erkenntnisse.

Damals war ja schon klar, dass Shoppen immer auch ein bisschen Kompensation ist. Ängste, Sorgen, Unsicherheiten und ähnliches wollen in semidestruktive Bahnen gelenkt werden und was tut da besser, als das eigene Einkommen unter die Leute zu bringen. Für Alkohol- und Drogenexzesses bin ich mittlerweile zu faul, Kinder, die sich in meinem Namen verwirklichen sollen, habe und will ich nicht und im Bereich Katzendressur erbringe ich mit unseren hauseigenen Stubentigern nur mäßige Ergebnisse (immerhin: der Kater frisst Mücken!). Somit bleibt – neben Abenteuern an der Nähmaschine und Kampflesen – nur mehr der monetäre Exzess, um ordentlich zu kompensieren. Das lässt sich – wie im letzten Post angesprochen – auch verhältnismäßig leicht um- bzw. in andere Bahnen lenken, was neben etwas Willenskraft vor allem auch Ausdauer braucht. Was es allerdings in so einem Fall nicht wirklich braucht, ist die emotional herausfordernde Situation der ehemaligen Beinahe-Haupterziehungsberechtigten im Krankenhaus. Schon klar, perfekte Ausrede für versagende Willenskraft – bin schließlich auch nur ein Mensch …

Als denn, auf in eine neue Runde. In einem englischen Minimalismus-Podcast, Break the Twitch, habe ich ein Interview mit Cait Flanders gehört, der Autorin von The Year of Less. Darin meinte sie, man sollte sich am Anfang nicht unbedingt zu hohe Ziele stecken, also in der Art “ich kaufe einen Monat / drei Monate / ein Jahr NICHTS mehr ein”, weil diese großen Ziele in ähnlich großer Frustration enden können, wenn man versagt und sich noch schlechter fühlt. Ihre Erklärung finde ich einleuchtend und zudem geht es mir persönlich weniger um reißerische Ankündigungen, sondern mehr um einen bewussten Umgang mit Konsum und darum, meine kleine Welt zu ordnen und zu reduzieren.

Warum ist weniger nun mehr?

Weil ich dank der zunehmenden Minimalismus-Wohlfühl-Wolke, in der ich mich seit zwei, drei Jahren bewege, herausgefunden habe, dass eben dieser Minimalismus meiner ADHS gut tut. Da ich keine Medikamente nehme, habe ich über die Jahre – auch mithilfe von Therapeuten und therapeutischen Ratgebern –  gelernt, Mechanismen zu entwickeln, um dem Chaos in meinem Kopf Herrin zu werden. Meist funktioniert das am besten, wenn die Kacke so richtig am dampfen ist – bei ADHSlerInnen nicht so ungewöhnlich. Sobald es dann aber ruhiger wird – wie bei mir seit einer beruflichen Veränderungen letzten Monat – sinkt die Leistungskurve rapide und halbwegs fokussiertes Arbeiten, Schreiben und Recherchieren wird zum Kampf. Seit ich vor einiger Zeit jedoch meinen Arbeitsbereich gründlich entrümpelt habe, läuft einiges schon wieder etwas leichter (die eigentliche Herausforderung ist in dem Fall meistens, überhaupt bis zum Schreibtisch zu kommen und sich nicht auf dem Weg dorthin schon jenseits von Gut und Böse zu verlieren). Nach einiger Recherche in der einschlägigen Fachliteratur ergibt sich die Erkenntnis, dass weniger vor allem bei ADHS-Betroffenen tatsächlich mehr sein kann, was in meinem Fall zutrifft.

Dementsprechend ist das aktuelle Ziel nicht nur, bewusster nicht zu konsumieren, sondern vor allem auch, Mari Kondos “Spark Joy”-Idee noch eine Chance zu geben und nun tatsächlich mal ordentlich auszumisten. Und wer Mari Kondo ist und wie sie womöglich helfen kann, das Kopfchaos zu optimieren, beschreibe ich auch noch. Aber erst beim nächsten Mal – dieser Chaos-Post ist schließlich schon lange genug.

So long, good bye and thanks!

Jetzt erst mal nix mehr, ne …?!(!)

Tutnixwillnurshoppen

Neuer Job. So richtig, mit Büro und fixen Zeiten und frühmorgens raus und so.

Es ist immer noch alles sehr aufregend, sehr ungewohnt, manchmal auch überwältigend. Aber immer machbar, und das ist wohl auch die Hauptsache, denn sonst würde ich mir an dieser Stelle weniger Gedanken darüber machen, wie ich mein After-Work-Programm ein wenig ansprechender gestalten kann, sondern eher darüber, wann ich wie und wo am besten meine nächsten Antidepressiva klarmachen kann. Somit also nicht immer unbedingt ein klarer Sieg auf allen Linien und mit wehenden Fahnen, aber immerhin ein tägliches seelisches Gänseblümchen-Gießen…in meinem Fall gar nicht mal zu unterschätzen. Trotzdem: für große Erfolgssprünge im Dissertationsbereich mag es jetzt grad noch ein bisschen zu früh sein, aber es kann auch nicht angehen, dass ich den halben Tag und/oder Abend auf Shpock, Kleiderkreisel, Amazon oder sonstwo verbringe, um Schnäppchen zu jagen, die ich im Endeffekt natürlich gar nicht brauche (das “Schnäppchen” per se ist in den seltensten Fällen lebensnotwendig, denn Lebensnotwendiges zu shoppen macht in den ebenfalls seltensten Fällen Spaß – man möge nur an all die Besuche im Supermarkt denken, wo uns kaum die Sonne aus dem Arsch scheint in Anbetracht der schieren Freude des alltäglichen Lebensmitteleinkaufs … ).

Abwechslung muss her, ein langsames Heranführen an den Dissertationserfolg im Idealfall, ein Verlassen ausgetretener Kompensationsshoppingpfade im Mindesten. Um so weit zu kommen, gilt es, erstmal Ursachenforschung zu betreiben: woher kommt das “Kompensations” vor dem “Shopping” und warum braucht es sowas überhaupt? Natürlich bin ich nicht Wonderwoman und muss meine Unsicherheiten und anderen psychischen Ausfallserscheinung irgendwo abladen, aber warum soll das ausgerechnet bei Kleiderkreisel, Amazon und Co. sein?
Zum einen verdiene ich seit einigen Monaten das erste Mal seit Jahren wieder mal richtig nett, was mich wohl zu konsumtechnischen Hochsprüngen verleitet; zum anderen mag ich die Schnäppchenjagd und kann mich durchaus in etwas verbeißen, dass ich dann UNBEDINGT haben will, komme was wolle – aber immer günstig. Und weil ich es dabei auch gerne nachhaltig günstig habe, geht es tage- und wochenlang rundum auf den Flohmarkt-Apps, bis das Ziel erreicht ist. Nachdem ich derzeit mein inneres Kind mit der Geschichte von “Kikis kleiner Lieferservice” füttere, braucht es dafür auch das richtige Ambiente – für große rote Maschen im Haar bin ich ein bisschen zu schüchtern, für Sticker, Tassen, Comics und BluetoothLautsprecher in rot-orangem Radioformat aber nicht. Und weil es dieses beispielhaft herangezogene Innere-Kind-Wellness-Package nur Firsthand gibt, kostet das auch – Geld und CO2-Fußabdruck.

Wie also ausbrechen aus diesem Teufelskreis? Erstmal einen Schritt zurücktreten: nach der Ursachenforschung kommt das Bemühen um anderweitige Kompensation. Da ich mittlerweile alt genug und ausreichend lange psychisch-seelisch challenged bin, um zu wissen, dass auch die Psyche auf mindful reprogramming anspricht – unterschiedlich erfolgreich und nachhaltig, aber erstinstanzlich mal immerhin und auf jeden Fall – muss ich nun “einfach” nur mal einen netten Weg zu alternativen Beschäftigungsformen finden. Je länger man etwas nicht macht, umso weniger denkt man daran – basiert beim Rauchen-Aufhören auf dem gleichen Prinzip wie beim Ernährung-Umstellen oder anderen guten Vorsätzen, mit ähnlich variablen Erfolgsaussichten. Aber das soll dem Enthusiasmus per se keinen Abbruch tun. Letzte Shoppingeroberungen trudeln in den kommenden Tagen des frühen Aprils ein, neues soll – mit Ausnahme von tatsächlich benötigtem oder Büchern – vorerst mal nicht nachwachsen, hoffentlich. Aus diesem edlen Vorsatz folgt nun die Kardinalfrage:

Wie vorgehen?

Zu Beginn lösche ich erstmal alle Shoppingapps, die ich irgendwo habe; da noch ein paar Verkaufsangebote von mir auf einer Flohmarktapp rumschwirren, darf die bleiben; sollte sich das aber als zu große Verlockung herausstellen (Stichwort: mangelnde Disziplin), wird die auch gelöscht und es geht ein wenig umständlicher am Computer weiter … Weiter möchte ich in meinem Bullet Journal genau Buch über meine Ausgaben führen. Die Erfahrung zeigt, dass es mir immer furchtbar peinlich und unangenehm ist, zu viel Geld für Unnützes auszugeben – wenn ich es denn auch aufgelistet sehe. Das fällt beim Onlineshoppen oft aus und soll nun nachgeholt bzw. nachgetragen werden. Möge die Macht der Scham mit mir sein …

Und dann geht’s ans Reprogramming: mehr Sport, egal ob zu Hause oder im Fitnessstudio; mehr Lesen, denn Borges wusste schon zu sagen: “Lesen ist Denken mit anderem Gehirn” – klingt doch spannend; mehr machen – ob schreiben, nähen, umräumen, whatever, aber nicht mehr stundenlang rumsitzen und Schnäppchen schnappen, die keiner braucht; entspannen – meditieren (jaja, klingt eso, ist aber so: hilft tatsächlich ungemein, mal mehr und mal weniger, aber immer gut), bei Bedarf auch mal ein Nickerchen, mal ein bissle Masterclass oder ähnliches kucken; und nicht zu vergessen: auch endlich mal wieder ein bissle dissertieren, damit das auch mal ein Ende findet …

Als denn, dann wollen wir mal. Und nein, das ist KEIN (verspäteter) Aprilscherz …