Alltägliche Vergesslichkeiten: Lebensmitteleinkauf für Fortgeschrittene

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Zeugen unnötiger Lebenmitteleinkäufe: die Avocado soll seit einer Woche zu einem Aufstrich verarbeitet werden und die Tomaten ruhen sanft in einem Plastikbettchen. Aber immerhin gibt es selbstgemachtes Bärlauchsalz (wer ungern kocht, würzt umso sorgfältiger…).

Der Alltag bringt in der Regel die beste Inspiration und mit dem Bedürfnis, über dieses Thema mal was zu schreiben, spiele ich schon seit Wochen (eigentlich Monaten; aber so lange gibt es diese Seite ja noch nicht mal …). Nachdem ich dann auch noch einen sehr interessanten und inspirierenden Post zu dem Thema von Herrn Schwarz auf aminimalistpoc.wordpress.com lesen durfte (sehr zu empfehlen und hier zu finden!!), hab ich jetzt all meine verfügbare Konzentration und Muße zusammengekramt, mein Kopfchaos beiseite geschoben und lasse mich über meine eigenen Unzulänglichkeiten aus, diesmal in Bezug auf einen wichtigen Aspekt des schnöden Alltags: Lebensmittel einkaufen.

Bei Lebensmitteln bin ich an sich von Natur aus minimalistisch, weil mein Repertoire an Kochkompetenzen überschaubar ist (höflich umschrieben) – ich koche nicht so gerne, weil mir das einfach keinen Spaß macht. Dementsprechend interessiere ich mich auch nicht für Essenstrends, fancy neue “Superfoods”, “energy tea” oder “das Gold der Mayas”, was aber auch daher kommt, dass ich selbst immer mal wieder beruflich Marketingluft schnuppern darf und mir davon schon schlecht genug wird, auch ohne neuestes Lebensretterkorn. Und ich schreibe das hier jetzt auch nicht, weil ich hier überkritisch, superklug und super-hinter-die-Kulissen-blickend oder was derartiges bin; ich interessiere mich ehrlich nicht für Essen. Tolle Gewürze, schicke Zubereitungsmethoden, Garzeiten, Spezialzutaten: nicht meine Welt. Ich esse gerne was leckeres, aber für mich ist Mozzarella mit Tomaten und frischem Basilikum auch schon lecker, da brauche ich nicht mehr. Mein gelebtes Desinteresse heißt aber auch nicht, dass ich nur von Fertigzeugs und Lieferservice lebe, ganz im Gegenteil; ich verstehe Nahrung als Treibstoff für meinen Körper und versuche immer gut darauf zu achten, dass ich meinen Körper möglichst gut und wertig “betanke” – nur die Extras, also Waschanlage, Felgen polieren und regelmäßiger Ölwechsel, die fehlen eben.

Fleischlos glücklich – simple living?

Ich bin heute ganz bewusst Vegetarierin, was für mich aber keine allzu große Umstellung war, da ich an sich nie viel Fleisch gegessen habe. WENN überhaupt regelmäßig Fleisch am Speiseplan stand dann nur, weil ich gerade mit jemandem liiert war, der gerne Fleisch aß UND kochen konnte – ich selbst habe nie gerne Fleisch verkocht, konnte es auch nie wirklich gut und habe es deshalb ausgesprochen selten gemacht. Ich war eher noch an der Snacktheke zuhause, hier mal ein Schinkenbrötchen, dort mal eine Leberkässemmel (hatte ich vorhin nicht etwas von “wertigem” Treibstoff geschwafelt? Tja …), das war mein Fleisch. Mit der Umstellung auf ein bewusstes vegetarisches Leben vor ein paar Monaten haben sich für mich und den Held meines Herzens also vor allem unsere Einkaufsgewohnheiten und weniger unsere Kochabläufe verändert. Und genau hier liegt auch der Tofuhund begraben, sozusagen.

Die Auseinandersetzung mit Minimalismus, einem bewussteren Umgang mit den Dingen in meinem Leben und deren Qualität hat natürlich auch dazu geführt, dass ich und wir nun mit mehr Bedacht unsere Lebensmittel einkaufen. Das meint nicht nur bio, fair oder regional, sondern auch Verpackungsmenge und -art und Menge an sich. Es gibt Dinge, die ich zwar mag, aber nicht mehr kaufe, weil ich das Zuviel an Plastik drumherum einfach nicht mehr akzeptieren will. Die stärkste Stimme, die ich als Konsumentin habe ist jene der ehemaligen Konsumentin – was mir nicht passt, wird nicht mehr gekauft. Ich kaufe nicht mehr im Vorratspack, weil ich nicht mehr so viel wegwerfen will und es auch nicht mag, wenn überall was rumsteht und alles vollgeräumt ist – wir wohnen in der Innenstadt, in einem Radius von 10 Minuten Gehzeit erreichen wir sechs Lebensmittelläden, darunter auch einen Biosupermarkt. Ich muss also nicht vier Tonnen Nudeln/Reis/Kartoffeln horten, nur weil ich grad mal wieder bei Aldi war. Wo ich übrigens einige Nudelsorten auch nicht mehr kaufe, weil darin Eier aus Bodenhaltung enthalten sind …


Was ist mir jetzt wirklich wichtig?

Womit wir schon beim nächsten Thema wäre: wo differenziere ich, was beachte ich, wann fällt es mir auf und welche Konsequenzen ziehe ich daraus? Das mit den Eiern aus Bodenhaltung in den Aldi-Nudeln ist mir erst vor einiger Zeit aufgefallen, obwohl es sehr wahrscheinlich schon seit Jahren schön leserlich mitten auf der Verpackung steht. Bananen kaufe ich immer noch, trotz langer und entsprechend klimaschädlicher Transportwege, weil sie als Energiespender beim und nach dem Sport für mich Gold wert sind und die beste natürlich Basis für Smoothies, die ich kenne; und wenn ich richtig hungrig und planlos einkaufen gehe, dann habe ich am Ende immer irgendwas fleischloses in einem Plastikbehälter in der Hand, egal wie gut und gesund meine Vorsätze waren. Vorletztes Jahr habe ich im örtlichen Unverpacktladen ein paar Obst- und Gemüsenetze gekauft, damit ich in Zukunft auf die kleinen Plastiktüten beim Obst- und Gemüsekauf verzichten kann. In eineinhalb Jahren hatte ich die Teile gerade mal bei vier Einkäufen dabei, einmal sogar umsonst. Ich habe den Griff zur Stofftasche für meine Einkäufe über die Jahre verinnerlicht und nehme vielleicht dreimal im Jahr eine Tüte im Supermarkt, weil es nicht anders geht; meine Gemüsebeutelchen liegen immer schön bereit auf der Kommode im Flur, während ich im Supermarkt stehe und mir nur kurz denke: “ach shit!”. Alltägliche Gedankenlosigkeit, die mich wahnsinnig ärgert. Natürlich ist das keine schlichte Gleichgültigkeit, sonst hätte ich mir – auch mit Blick auf meine Freude am zunehmend reduzierten Leben – die Teilchen nicht ins Haus geholt. Wenn ich mit mir nicht allzu streng sein will dann weiß ich auch, dass ich einfach furchtbarFURCHTBAR zerstreut bin und das bei mir nomal ist – manchmal kann ich meine eigenen Sätze nicht beenden, weil ich nicht mehr weiß, was ich eigentlich sagen wollte. ABER es ist nicht Sinn und Zeck der Sache, hier ständig Ausreden für das ADHS-Hirn zu finden. Fakt ist, dass alltägliche Vergesslichkeit dazu führt, dass gute Vorsätze das bleiben, was sie sind: Vorsätze.
Ich werde mir die Gemüsebeutelchen in Zukunft mit der Einkaufstasche zusammenpacken, dann funktioniert das hoffentlich besser. Einen Versuch ist es mit Sicherheit wert. Mein Fokus liegt in erster Linie auf einem reduzierteren, klareren “Sein”, auch wenn das jetzt esoterischer klingt, als mir lieb ist (und Esoterik ist mir gar nicht lieb, ich bin Atheistin und gänzlich unspirituell, ich hab mit den weltlichen Angelegenheiten schon genug zu tun …). Was ich damit meine ist vor allem, dass es mir leichter fällt, mich selbst und meinen Alltag zu organisieren, je weniger unnötiges Zeugs anfällt und um mich rum ist. Und dazu gehört im weitesten Sinne natürlich auch der Alltag in der Küche und all das Drumherum. Küchenutensilien ausmisten ist eines, und das habe ich auch schon längst erledigt; zu erkennen, dass die Welt und das eigene Konto nicht zusammenbricht, wenn man nicht bei jedem Supersparangebot eines Lebensmittels, das man theoretisch gerne isst, sofort dreifach zuschlägt, nur um dann die Hälfte wegzuwerfen, zu verschenken oder drei Jahre im Küchenschrank zu lagern, ist was anderes und ein ganz entscheidender Fortschritt, so banal es klingen mag. Weniger ist mehr, und verhungert sind wir bis jetzt auch noch nicht. Läuft doch schon mal ganz okay.

 

“Sag Suppe” — “Süppé” (The Simpsons, S05e20)

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Ich bin der Inbegriff einer begeisterten Suppenliese (der Held meines Herzens nennt mich immer “Suppenkaspar”, was aber an sich nicht stimmt, weil ich ja das genaue Gegenteil bin). Seit er mich das erste Mal damit überrascht hat, darf und muss der besagte Held meines Herzens mich regelmäßig — in der kalten und kälteren Jahreszeit mindestens einmal wöchentlich — mit einem große Topf selbstgemachter Suppe beglücken, weil es einfach nichts besseres gibt. Zumindest fällt mir jetzt absolut nichts besseres ein. Außer vielleicht ganz viel Liebe und eine feste Umarmung — also quasi Suppe im übertragenen Sinn.

Bis vor wenigen Monaten war unsere Suppe eine zünftige Rindssuppe. Markknochen und Suppenfleisch vom Rind haben zusammen mit viel Gemüse für ein wunderbares Aroma gesorgt, und ich war mir in unserer vegetarischen Anfangszeit nicht ganz sicher, ob ich die Umstellung von der Fleisch- zur reinen Gemüsesuppe ohne gröbere Stimmungs- und Geschmackseinbrüche überstehen würde. Nicht dass ich mir der vegetarischen Sache nicht sicher bin: Tiere sind Freunde und kein Futter. Das ist klar. Aber ähnlich wie damals, als ich ungefährt alle paar Monate mit dem rauchen aufgehört habe, steht auch hier die bewusst und wohlüberlegt getroffene Vernunftentscheidung dem schieren Gusto gegenüber: ich habe immer wenig Fleisch gegessen (weil ich nicht gerne koche, und Fleisch war mir immer zu viel Aufwand), aber ein schönes blutiges Steak alle paar Monate mal war immer sehr lecker und hochbegehrt. Ich rauche seit über drei Jahren nur mehr alle paar Wochen/Monate, wenn ich was trinke oder mit Raucherfreunden zusammen sitze; beim Fleisch möchte ich konsequenter sein (vor allem weil ich deutlich weniger Raucher- als Fleischesserfreunde habe — da müsste ich ja sonst mehr totes Tier essen als in prävegetarischen Zeiten). Das wird mir wahrscheinlich auch leichter fallen, da ich mich an sich nicht sonderlich für Essen interessiere und zwar durchaus gerne lecker esse, aber solange es Nährwert hat, esse ich auch unlecker (klingt komisch, ist aber so: mir ist wichtiger, dass etwas “gesund” ist, als dass es allumfassend unbeschreibliche Gaumenfreuden auslöst — das wäre bei meinen Kochkünsten auch deutlich zu viel erwartet…). Deutlicher formuliert: Rauchen war für mich immer ein Genussmittel, Essen ist für mich Mittel zum Zweck der Erhaltung meiner körperlichen Funktionen u.ä. In Zeiten der geradezu inflationär produzierten Kochshows wohl keine sonderlich populäre, aber eine durchwegs rationale Haltung, die mir den Zugang zum Thema Ernährung für meine Befindlichkeiten immer schon deutlich erleichtert hat. Suppe hat jedoch einen absolut außergewöhnlichen Stellenwert in diesem meinem kleinen Kochkosmos, wahrscheinlich gerade deshalb, weil ich die Suppe nicht selbst mache, sondern nur dabei zusehe.

Nun also Gemüsesuppe. Der erste Durchgang war eigenartig, ungewohnt, gewöhnungsbedürftig. Beim zweiten Mal überwog die Begeisterung, wie viel gesünder unsere Suppenorgien jetzt doch sind, wo kein totes Tier mehr mit im Wasser schwimmt. Und nun, nach mittlerweile unzähligen Portionen leckerster hausgemachter Gemüsesuppe, möchte ich es auch gar nicht mehr anders. Wenn man es nämlich ganz nüchtern betrachtet, ist Essen ähnlich wie vieles andere auch schlicht und ergreifend nur Gewohnheitssache. Was ich gerne und oft esse, möchte ich gerne und noch öfter weiteressen. Was ich ausnehme, fehlt mir irgendwann mal nicht mehr. Nicht mal mein früher so geliebtes blutiges Steak. Oder eben das Rind in der Suppe.