Bullet Journal im Traveler’s Notebook – Vertrautes mal anders

Traveler's Notebook schwarz mit Gummiband geschlossen

Wie in meinem letzten Februar-Update zu lesen, habe ich trotz Low Buy eine nicht unwichtige Neuanschaffung getätigt, die mir bei meiner Selbstorganisation noch besser helfen soll. Mit Arbeit, Dissertation und freiem Schreiben auf drei Baustellen unterwegs, ist mein permanent überreiztes Binsenhirn auf eine gutes Notizen-Fundament angewiesen, damit überhaupt irgendwo irgendwas weitergeht. Bullet Journals und ähnliches sind seit vielen Jahren nicht umsonst erfolgreich, und wir haben wohl alle unsere Erfahrungen mit verschiedenen Notizsystemen, analog und digital, gemacht. Digital ist nicht meines, deshalb analog – da aber dringend, umfassend, immer und überall.

Um das grundlegend zu gewährleisten, führe ich ja seit etwas mehr als zwei Jahren ein Bullet Journal und bin mit dem System an sich sehr zufrieden. Manches brauche ich mehr, manches weniger, und auf manches kann ich auch verzichten, aber die Idee, sich sein ganz eigenes System für Notizen, Kalender und Brainstorming aufzubauen, hilft mir auf jeden Fall enorm, nicht die Übersicht zu verlieren. Das absolut wichtigste an der Bullet-Journal-Methode ist für mich ist die individuelle Gestaltung des Kalenders; je nachdem, wie viel Platz ich für meine Termine und Notizen brauche, kann ich meine Wochen- und Tagesübersicht gestalten. Auf Pinterest und Instagram finden sich unzählige Designvorschläge und Anregungen, von denen auch ich schon viele ausprobiert habe, um was passendes für meine Bedürfnisse zu finden. Mit einem Bullet Journal von Dingbats habe ich in vielen Bereichen auch das perfekte Notizbuch gefunden außer eben in einem: dem Format.

Ich nutze am liebsten schmale Notizbücher, wie etwa die von Moleskine – deren Papier aber wiederum zu dünn für manche Zeichen- und Maleskapaden meinerseits ist. Deshalb dann Dingbats – nachhaltig, schön und dickes Papier. Aber: breit. Normal breites A5-Format, aber mir eben eine Ticken zu breit. Zumindest, wenn ich die Wahl habe. Und die habe ich vor kurzem gefunden.

Travelers Notebook aufgeschlagen und zu
Mein Traveler’s Notebook in schwarz. Der Stifthalter ist von Leuchtturm und zum Einkleben, für meine Kaweco Classic Sport aber recht unsportlich eng.

Vorhang auf für das Traveler’s Notebook

Schmal ist es auf jeden Fall, das Traveler’s Notebook der Traveler’s Company Japan, das früher von Midori vertrieben wurde. Die sind heute vor allem für die Inserts oder Refills des Notebooks – das ja eigentlich bloß ein Ledereinband für die individuell zusammenstellbaren Notizhefte und Inserts ist – zuständig. Ich habe mein Traveler’s Notebook in schwarz und der Standardgröße erstanden, inklusive dreier Notebooks (eines davon war inklusive) sowie dem Zipper Pocket Insert, das ich für verschiedenen flachen Kleinkram benutze und sehr empfehlen kann. Mit 12 cm statt 16 cm Breite ist das TN vier Zentimeter schlanker als mein Dingbats-Bullet-Journal, wenn es ein wenig gefüllt ist sogar nochmal etwas schmäler. Vom haptischen Erlebnis her also genau das, was ich wollte. Und auch sonst gefällt es mir in der Handhabung sehr gut.

Mit knapp über 70 Euro hat diese Anschaffung meine Low-Buy-Vorsätze natürlich ausgereizt. Mir ist bewusst, mit welchen Vorgaben und Vorstellungen ich in diese Challenge gegangen bin und eine Investition in diesem Ausmaß war da nicht geplant. Aber nachdem ich das Notebook jetzt gut vier Wochen in Verwendung habe – zwei davon als Bullet Journal – kann ich sagen, dass es sich amortisieren wird, wenn nicht finanziell, dann zumindest in der praktischen Handhabung.

drei notizhefte einbaende bunt gestaltet
Meine drei Notizbücher fürs TN: eines für die Organisation, eines fürs Kreative und eines fürs Hirn.

Ein etwas anderes Bullet Journal

Die drei Notizhefte in meinem Traveler’s Notebook habe ich in die Bereiche Bullet Journal, (freies) Schreiben und Dissertation aufgeteilt. Wenn ein Heft voll wird, muss nicht alles ausgetauscht werden, sondern nur das betreffende Heft. Das ist mit die beste Änderung, die ich mir von dem Wechsel auf ein neues System verspreche. Da ich mein Bullet Journal für praktische alles außer Uni- und Dissertationsnotizen nutze, waren meine Notizbücher in der Regel immer recht flott voll. Das wird wahrscheinlich mehreren so gehen und auch von Ryder Carroll thematisiert, und vielen ist das wahrscheinlich völlig egal. 

Ich bin allerdings eine ganz große Listenschreiberin. Ich führe Listen zu jedem Gehirnfurz, der sich äußern und festgehalten werden möchte, und meinem Binsenhirn sei Dank, sind selbst die doofsten Listen für mich oft sehr nützlich. Allerdings habe ich natürlich nicht immer die Nerven, all meine Listen immer von einem Bullet Journal ins nächste zu übertragen. Ein Post-It, Notiz dazu mit Verweis auf altes Notizbuch – muss reichen. Muss reichen? Ne, natürlich nicht, denn Binsenhirn sagt “out of sight, out of mind”, und das war es dann mit der Freude an der sinnvoll-doofigen Listenführung.

Und hier erhoffe ich mir nun umfassende Fortschritte: Das Bullet Journal in meinem Traveler’s Notebook verwende ich hauptsächlich als Planner, Notizbuch und Kalender. Für mein Tagebuch und meine Listen bleibt mir mein Dingbats-Notebook, und je nachdem, wie gut diese Trennung der Angelegenheiten für mich funktioniert, werde ich diese Aufteilung auch so weiterführen. Immerhin war ich immer GANZ BESONDERS bedacht darauf, mein Bullet Journal nicht irgendwo mal aus Versehen liegen zu lassen, da es ja auch mein Tagebuch ist. Wenn ich meine innersten Gedanken nicht verbal mit Freunden, Kollegen und Fremden teile, dann möchte ich das auch schriftlich nicht – schon gar nicht unfreiwillig. Und auch meine Listen machen jetzt wieder mehr Sinn, weil ich weiß, dass ich sie nicht alle paar Monate neu übertragen muss. Vielleicht sollte ich auch einfach lernen, mit weniger Listen auszukommen …?

Egal, vorerst gibt es jetzt also zwei Haupt-Notebooks, und ich kann mir in den kommenden Wochen und Monaten ansehen, wie das für mich funktioniert. An der Wochen- und Tagesübersicht bei meinem Bujo muss ich noch ein wenig tüfteln – mein Lieblingslayout hat im neuen Notizheft keinen Platz mehr, deshalb ist es Zeit für neues. Womöglich mache ich in Zukunft jede Woche ein Layout, wie es Cissy’s Art Cafe und Sarica Studio in ihren YouTube-Videos zeigen. So hätte ich die Möglichkeit einer Wochenübersicht mit anschließenden “freien” Listen, die so lange werden können, wie sie sollen. Ich werde es mal probieren und schauen, wie es mir passt. Immerhin ist so ein Bullet Journal ja sowieso ein Platz, um Neues auszuprobieren und rauszufinden, was einem gerade am besten gefällt. Und sowas kann sich ja auch immer mal wieder ändern.

aufgeschlagenes notizbuch mit wochenübersicht
Meine Wochenübersicht für März – es ist noch Luft nach oben …

Dadurch dass ich nun auch meine Uni- bzw. Dissertationsnotizen immer dabei habe, kann ich in dem Bereich jetzt ebenso spontan mal eine Idee oder einen Gedanken festhalten, wenn ich gerade keine Zeit habe, um es genauer auszuführen. Das ist ganz im Sinne meiner – mittlerweile überwiegend – regelmäßigen Beschäftigung mit diesem Lebensbereich. Schließlich soll in diesem Jahr der Rohfassung die ihr gebührende Aufmerksamkeit zuteil werden, und da braucht es jedes Hilfsmittel, das ich nutzbar machen kann, damit das klappt. Damit …
Aber ich bin zuversichtlich. Mit allen Auf und Abs habe ich dieses Jahr schon gute Fundamente geschaffen, an denen ich jederzeit weiterarbeiten kann, mal mehr und dann halt auch mal wieder weniger. Der Umstand, dass meine Diss jetzt auch in meinem Alltag in Form meines Bullet Journals/Notebooks so präsent ist, ist auf jeden Fall ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Alles weitere wird sich weisen …

Long story short (mal wieder): Bis jetzt bin ich von meinem neuen Traveler’s Notebook sehr begeistert und nutze es gerne. Auch als Bullet Journal hat es sich bis jetzt bewährt, wobei ich die letzten Tage krank war und es daher noch nicht so ausführlich weiter ausprobieren konnte, wie ich es gerne getan hätte.
Krankheitsbedingt kommt dieser Post übrigens auch verspätet – Asche auf mein Haupt. Und gute Gesundheit für alle – dringend nötig derzeit.

Ich brauch mal ‘ne Pause: Low Buy 2020

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Weihnachten ist ja generell nicht so meine Zeit, zum einen, weil ich als Atheistin da nicht wirklich was zu feiern habe und zum anderen, weil ich als Introvert deluxe kein Fan von Menschenaufläufen bin – weder in der Innenstadt noch im eigenen Wohnzimmer. Und auch wenn ich selbst Weihnachten dementsprechend auch eher einfach an mir vorüberziehen lasse, entkomme ich dem allgemeinen Weihnachtswahnsinn – vor allem ganz banal auf meinem Arbeitsweg – nicht ganz. Wobei ich mit “Weihnachtswahnsinn” ja eigentlich “Shoppingwahnsinn” meine, eh klar. Hinzu kommen dann auch noch die eigenen Lebensaktivitäten, sprich Kompensations- und Alltagskonsum, die mich immer mal wieder vor die Tür und zumindest bis zum innerstädtischen Postamt treiben. Alles in allem enorm anstrengend und massive First World Problems, aber vor allem auch zu viel. Mir zumindest. Ich brauch ‘ne Pause.

Dringend.

Schließlich kämpfe ich ja schon seit einigen Monaten meinen eigenen Shopping-Gewohnheiten. Von Schulden und einer kunterbunten Kreditkartenpalette bin ich zwar weit entfernt, aber trotzdem wurde ich mir in diesem letzten, nun vergangenen Jahr, einfach ein bisschen zu viel. Ja, berufliche Veränderungen, neue Herausforderungen und familiäre Um, Un- und Ausfälle harmonieren nicht so mit Angststörung & Co. – aber das kann keine Entschuldigung für alles sein. Und schon gar nicht für eine beinahe grenzwertige Auswahl an Vintagetaschen und -rucksäcken, die einem kleinen Secondhand-Laden in Hipsterhausen zur Ehre gereichen. Muss nicht sein. Schon gar nicht, wo ich doch erst vor wenigen Jahren dieses wunderbare Konzept des Minimalismus für mich entdeckt habe – weniger ist mehr, vor allem im Außenwelt-Ausstattungsbereich. Da reduziere und decluttere ich Jahre fröhlich vor mich hin, nur um mich von familiären Sorgen und professionellen Weiterentwicklungen in den Kompensationskaufswahnsinn abdrängen zu lassen. Weil, was sind wir nicht hyperängstlich, panisch, traurig und schlichtweg überfordert. Und lassen uns nichts anmerken, klar. Aber Kleiderkreiseln, dass die Schwarte kracht. Abartig absurd und anstrengend. Für mich, mein Wohlbefinden, meine wertvolle Lebenszeit und meinen Kontostand.

Low Buy 2020 – mit ein paar Regeln

Long story short: neues Jahr, neue Chance. Inspiriert von diversen YouTube-Videos und (vor allem) englischen Blogs zu dem Thema schließe ich mich dem Motto von useless_dk, #2020wehaveplenty, and und starte in meine persönliche Low Buy Challenge für 2020. An sich beabsichtige ich in den kommenden zwölf Monaten nichts zu kaufen außer Lebensmittel, Drogerieartikel und Dinge des täglichen Lebens, die im Laufe der Zeit ausgehen und ersetzt werden müssen.

  1. Ich werde keine Klamotten, Schuhe, Taschen oder Rucksäcke, keine Dekoartikel, kein Geschirr (ich kann mir meiner Tassensammlung locker ein kleines Festival ausrichten…), keine Videospiele, Accessoires, Washi-Tapes und sonstigen ‘Plunder’ kaufen. Ich darf mir selbst was nähen oder stricken mit den Materialien, die ich zu Hause habe. Es gibt keinerlei Impulskäufe und und kein Langeweile-Shoppen. Ganz allgemein kaufe ich nur Sachen, die ersetzt werden müssen, was, wie bereits erwähnt, Dinge des täglichen Lebens und Lebensmittel umfasst – KEINE Klamotten oder ähnliches.
  2. Lieferdienste dürfen maximal zweimal monatlich kommen, ansonsten wird gekocht.
  3. Unternehmungen mit Freunden und Familie, zu denen auch gemeinsame Restaurantbesuche zählen, sind auch okay, schließlich bin ich an der Sozialfront ja ohnehin nicht unbedingt die wildeste Rampensau, da will ich die paar Events im Monat nicht komplett streichen.
  4. Dazu zählen auch Urlaube, die ich ebenfalls als Erlebnis verbuche und deshalb in Ordnung sind. Nicht dazu zählt Urlaubsshopping – eh klar.
  5. Ich halte alle meine Ausgaben in meinem Bullet Journal fest, damit ich auch einen Überblick habe, wohin das Geld verschwindet, das ich ausgebe.

Ziel ist vor allem, mich wieder auf Kurs zu bringen, weil ich Zeit, Energie und auch Geld mit unnötigem Bullshit verschwende. Angenehmer Nebeneffekt und zusätzliche Motivation sind die finanziellen Einsparungen, die direkt in meinen Sparstrumpf wandern – ich hoffe, meine Wunschsumme in den kommenden zwölf Monaten zu erreichen. Mal schauen.

“Low Buy” nenne ich das Ganze vor allem deshalb, weil ich mir eine Ausnahme in Form eines monatlichen 50-Euro-Buchbudgets erlaube. Lesen ist mein längstes und liebstes Hobby, ich werde in den kommenden Monaten eventuell auch mal das ein oder andere Buch für meine Diss oder den Job kaufen müssen, was ich ohne schlechtes Gewissen tun möchte. Die Wiederentdeckung der Buchschätze, die ich schon habe, steht zwar definitiv im Mittelpunkt der Low Buy 2020 Challenge, aber ich möchte mir hier die Möglichkeit offenlassen, meinen Interessen folgen zu können. 50 Euro für Bücher monatlich bedeutet schließlich nicht, dass ich hier wahllos shoppen kann. Das Budget verlangt durchaus ein wenig Planung und das Hinterfragen von Prioritäten. Es bleibt also auch da spannend, wo ich sogar ein wenig einkaufen darf. Nur eben “darf” – ohne Ausreden beruflicher oder akademischer Natur, die ein eigenartiges Gefühl hinterlassen…

Als denn, ich mach jetzt mal Pause. Ich mag nicht mehr, ich will mehr für weniger und dafür wertiger. Klingt eigenartig, aber macht Sinn. Schauen wir mal, wie es laufen wird… 

Marie Kondo eröffnet einen Onlineshop

… und schon ist die Kacke am Dampfen, in vielerlei Hinsicht.

Marie Kondo räumt für andere Leute aus und um und organisiert die Dinge ihres Lebens und Hausens. Vor einigen Jahren hat sie dazu ein Buch geschrieben – Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert – und dann noch gleich zwei weitere zum selben Thema nachgelegt, weil das in den Marketingabteilungen dieser Welt gerne so gemacht wird, Motto: da geht noch was. Als Beispiel sei hier etwa Allen Carr mit seiner Endlich Nichtraucher-Reihe (später dann auch Endlich schlank u.ä.) zu nennen. Und auch Mark Manson hat “fuck” zum Lebensmotto erhoben, digital wie analog – eben hauptberuflich lässig. Es darf also getrost das gleiche KonMari-Konzept in neue Marketing-Mäntelchen gekleidet werden, immerhin ist ihre Botschaft eine recht interessante, die auch mir das Leben schon massiv erleichtert hat: Menschen besitzen zu viele Dinge und werden von diesen erdrückt – finde heraus, was dir besondere Freude bereitet (im Englischen schöner umschrieben mit der Formulierung “find the things that spark joy”) und entledige dich des Rests, um Ordnung und Platz für die freudigen Dinge des Lebens zu schaffen. Wie gesagt, auch ich komme mittlerweile entspannter durchs Leben, weil um recht viel Plunder erleichtert. In diesem Sinne: danke Marie Kondo!

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Freude schöner Götterfunken, neue Bücher gibt’s auch bald wieder …

Nun hat Kondo mittlerweile nicht nur drei Bücher und eine Netflix-Show im CV (neben ihren beruflichen Erfahrungen prä-KonMari), sondern vor kurzem auch ihren eigenen Onlineshop eröffnet, was ihr vor allem aus der Lifestyle-Community, aber auch ganz allgemein Schimpf und Häme eingebracht hat. Auf mehreren Ebenen stellt sich allerdings die Frage, warum das so ist.
Die seit einigen Jahren sehr erfolgreiche Minimalismus-/Bewusster-Konsum-/Slow-Living- und Fair-Fashion-Welle, deren verschiedene Elemente letztendlich doch immer irgendwie ineinanderzugreifen scheinen, bringt auch Marie Kondo viel Erfolg. Ihr “Spark Joy”-Konzept findet Anklang bei allen, die ihr Leben und die Dinge darin lieber sinnvoll nutzen und nicht masseverwalten wollen – auch mir hat ihr Buch ausgezeichnet geholfen, vor allem meine Klamotten und verschiedenen Tinnef auf ein für mich erträgliches Maß zu reduzieren. Bei allem Erfolg ihrer Methose hätte ich ihr Konzept aber nie so verstanden, dass man einen gewissen Anteil an Sachen wegwerfen MUSS, um nach der KonMari-Methode zufriedener und ordentlicher zu leben. Jede und jeder entscheidet selbst, was und wie viel das Haus verlässt. Unkenrufe a’la “erst räumt sie uns die Bude aus und nun will sie es mit ihrem eigenen Zeug füllen” scheinen mir in diesem Zusammenhang nicht nur übertrieben und lächerlich, sondern auch sachlich falsch. Wer seine Bude dank der KonMari-Methode ausgeräumt hat, hat diese Leistung eigenverantwortlich vollbracht und die Methode in diese Richtung angewandt.

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Eines der Produkte, das mit ein wenig Backgroundinfo womöglich mehr Sinn machen würde. Und den Horizont erweitern, was ja auch nicht schlecht ist.

Natürlich ist die Sinnhaftigkeit der Anschaffung einer Stimmgabel mit Rosenquartz für schlanke 75 Dollar für den neo-minimalistisch reduzierten Haushalt ein wenig fragwürdig. Und ob eine Teedose oder simple Hausschlappen tatsächlich 200 bzw. 206 Dollar kosten müssen, kann auch diskutiert werden. Tatsache ist, dass Kondo in ihrem Shop Designobjekte aus (selbst deklarierter) hochwertiger Produktion zu den entsprechenden Preisen anbietet. Dass sich manche Produkte dabei auch ein wenig an der japanischen Lebensart orientieren, wird bei diversen Kritiken gerne übersehen. Dass mittelmäßige US-amerikanischen Schauspielerinnen schon seit Jahren völlig überteuerten, kulturrelativistischen Ramsch ohne viel Hintergedanken sehr erfolgreich verkaufen, und sich damit ihr eigenes kleines Imperium aufgebaut haben, wird ebenso geflissentlich ignoriert. Immerhin will Gwinny ja nur, dass wir unsere Vagina dampfreinigen und uns nicht gleich den Kleiderschrank um ein Drittel reduzieren. Kondos Schritt zum eigenen Onlineshop wird verteufelt als hätte sie mit Walmart eine Partnerschaft zur Berümpelung der Welt abgeschlossen. Dabei ist sie selbst keine Minimalistin im Sinner des aktuellen Zeitgeistes – sie hilft beim Aufräumen und Organisieren von Dingen, sie vertritt die Idee, dass wir unsere Besitztümer wohlbedacht auswählen sollen, aber sie ist nicht im selben Fahrwasser wie Leo Babauta, Ryan Nicodemus und Joshua Fields Milburn oder Joshua Becker unterwegs. Sie wird nur gerne in Zusammenhang mit dieser Strömung vermarktet, weil es sich eben marketingtechnisch anbietet. Trotzdem sind ihre Beweggründe und Ziele andere. Sie also aus diesem Minimalismus-usw-Background raus zu kritisieren, macht inhaltlich weniger Sinn, als so manchen auf Instagram, Twitter, oder wo auch immer die Wellen hochgingen, klar sein mag.

Kondoflowertote
In den USA mit Zero Waste produziert – es gibt schlimmeres. Ob sich der Beutel sofort auflöst, sobald man statt Grünzeug mal Brot oder Bücher transportiert , ist ein Rätsel, das ich nicht lösen werde. 

Sportliche Geldscheffelei kann und soll immer kritisch im Auge behalten werden, keiner von uns ist über jede Kritik erhaben, auch und gerade Marie Kondo nicht. Dass sie ihre seit einigen Jahren währende Popularität auch unternehmerisch nutzen will, mag irritieren, ist aber ihr gutes Recht und sie ist damit auch in bester Gesellschaft. Ein Blick auf Instagram zeigt, dass man aus vielem ein Geschäft machen kann – was Individuen teils auch mehr Freiheiten bringt und nicht per se schlecht ist, Schwarzweißmalerei bringt uns dann aber alle zusammen nicht weiter. Denn die Message von Minimalismus- und Slow-Living/Shopping-Influencer_innen, die ReUse und ähnliches predigen, und dann wöchentlich den neuesten Shit auf ihrem Account vorstellen, weil ihnen der ‘kostenlos zur Verfügung gestellt wurde”, darf man dann manchmal auch hinterfragen. Ja klar, hier beißt sich die Katze in den Schwanz denn viele kleine Labels, die tolle Sachen leisten und machen, brauchen genau dieses Marketing, da viele andere Maßnahmen zu teuer sind und man sie sonst überhaupt nicht wahrnehmen könnte. Trotzdem zeigt sich hier eine von vielen Grauzonen, in denen wir uns immer wieder bewegen, weil es eben nicht immer so eindeutig Schwarz oder Weiß läuft.

Also lasst doch Marie auch einfach ein bisschen in der Grauzone laufen, in $206-Schlappen und perfekt eingeschwenkt mit ihrer Stimmgabel-Kristall-Kombo, weil: warum denn nicht? Muss ja keiner kaufen. Und tut – zumindest gemäß der Produktangaben – keinem weh.

Das war dann wohl nichts – gute Vorsätze in schlechter Umsetzung

Attitude is everything

Mein letzter Post erschien vorgeplant am 2. April (verfasst zwei Tage zuvor) und somit zeitlich ohne meine aktives Zutun. Am 1. April ist meine Oma gestürzt und hat sich einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen, Not-OP und helle Aufregung inklusive. Nachdem ich doch eine recht enge Beziehung zu meiner Oma habe – ich habe einen Großteil meiner Kindheit bei meinen Großeltern verbracht – hat mich das naturgemäß ein wenig aus meiner Spur gewuppt. Nicht dramatisch, aber doch ein bisschen “fuck it” im Abgang. Und mit weniger Selbstkontrolle als ohnehin schon nicht vorhanden.

The road to hell is paved with good intentions …

Langer Rede kurzer Sinn, das mit dem “mal nichts shoppen” ist nichts geworden – ich habe an der einen oder anderen Stelle zwar schon um einiges bewusster konsumiert, als ich es vielleicht noch vor einem halben Jahr getan hätte, aber nichtsdestotrotz ist “weniger” und “bewusster” immer noch wesentlich mehr als “nichts”. Dabei war ich aber immerhin nicht gänzlich unreflektiert und durfte einige kleinere Geistesblitze erleben, die mir hoffentlich weiterhelfen – abseits der bereits im letzten Posting geäußerten Erkenntnisse.

Damals war ja schon klar, dass Shoppen immer auch ein bisschen Kompensation ist. Ängste, Sorgen, Unsicherheiten und ähnliches wollen in semidestruktive Bahnen gelenkt werden und was tut da besser, als das eigene Einkommen unter die Leute zu bringen. Für Alkohol- und Drogenexzesses bin ich mittlerweile zu faul, Kinder, die sich in meinem Namen verwirklichen sollen, habe und will ich nicht und im Bereich Katzendressur erbringe ich mit unseren hauseigenen Stubentigern nur mäßige Ergebnisse (immerhin: der Kater frisst Mücken!). Somit bleibt – neben Abenteuern an der Nähmaschine und Kampflesen – nur mehr der monetäre Exzess, um ordentlich zu kompensieren. Das lässt sich – wie im letzten Post angesprochen – auch verhältnismäßig leicht um- bzw. in andere Bahnen lenken, was neben etwas Willenskraft vor allem auch Ausdauer braucht. Was es allerdings in so einem Fall nicht wirklich braucht, ist die emotional herausfordernde Situation der ehemaligen Beinahe-Haupterziehungsberechtigten im Krankenhaus. Schon klar, perfekte Ausrede für versagende Willenskraft – bin schließlich auch nur ein Mensch …

Als denn, auf in eine neue Runde. In einem englischen Minimalismus-Podcast, Break the Twitch, habe ich ein Interview mit Cait Flanders gehört, der Autorin von The Year of Less. Darin meinte sie, man sollte sich am Anfang nicht unbedingt zu hohe Ziele stecken, also in der Art “ich kaufe einen Monat / drei Monate / ein Jahr NICHTS mehr ein”, weil diese großen Ziele in ähnlich großer Frustration enden können, wenn man versagt und sich noch schlechter fühlt. Ihre Erklärung finde ich einleuchtend und zudem geht es mir persönlich weniger um reißerische Ankündigungen, sondern mehr um einen bewussten Umgang mit Konsum und darum, meine kleine Welt zu ordnen und zu reduzieren.

Warum ist weniger nun mehr?

Weil ich dank der zunehmenden Minimalismus-Wohlfühl-Wolke, in der ich mich seit zwei, drei Jahren bewege, herausgefunden habe, dass eben dieser Minimalismus meiner ADHS gut tut. Da ich keine Medikamente nehme, habe ich über die Jahre – auch mithilfe von Therapeuten und therapeutischen Ratgebern –  gelernt, Mechanismen zu entwickeln, um dem Chaos in meinem Kopf Herrin zu werden. Meist funktioniert das am besten, wenn die Kacke so richtig am dampfen ist – bei ADHSlerInnen nicht so ungewöhnlich. Sobald es dann aber ruhiger wird – wie bei mir seit einer beruflichen Veränderungen letzten Monat – sinkt die Leistungskurve rapide und halbwegs fokussiertes Arbeiten, Schreiben und Recherchieren wird zum Kampf. Seit ich vor einiger Zeit jedoch meinen Arbeitsbereich gründlich entrümpelt habe, läuft einiges schon wieder etwas leichter (die eigentliche Herausforderung ist in dem Fall meistens, überhaupt bis zum Schreibtisch zu kommen und sich nicht auf dem Weg dorthin schon jenseits von Gut und Böse zu verlieren). Nach einiger Recherche in der einschlägigen Fachliteratur ergibt sich die Erkenntnis, dass weniger vor allem bei ADHS-Betroffenen tatsächlich mehr sein kann, was in meinem Fall zutrifft.

Dementsprechend ist das aktuelle Ziel nicht nur, bewusster nicht zu konsumieren, sondern vor allem auch, Mari Kondos “Spark Joy”-Idee noch eine Chance zu geben und nun tatsächlich mal ordentlich auszumisten. Und wer Mari Kondo ist und wie sie womöglich helfen kann, das Kopfchaos zu optimieren, beschreibe ich auch noch. Aber erst beim nächsten Mal – dieser Chaos-Post ist schließlich schon lange genug.

So long, good bye and thanks!

Jetzt erst mal nix mehr, ne …?!(!)

Tutnixwillnurshoppen

Neuer Job. So richtig, mit Büro und fixen Zeiten und frühmorgens raus und so.

Es ist immer noch alles sehr aufregend, sehr ungewohnt, manchmal auch überwältigend. Aber immer machbar, und das ist wohl auch die Hauptsache, denn sonst würde ich mir an dieser Stelle weniger Gedanken darüber machen, wie ich mein After-Work-Programm ein wenig ansprechender gestalten kann, sondern eher darüber, wann ich wie und wo am besten meine nächsten Antidepressiva klarmachen kann. Somit also nicht immer unbedingt ein klarer Sieg auf allen Linien und mit wehenden Fahnen, aber immerhin ein tägliches seelisches Gänseblümchen-Gießen…in meinem Fall gar nicht mal zu unterschätzen. Trotzdem: für große Erfolgssprünge im Dissertationsbereich mag es jetzt grad noch ein bisschen zu früh sein, aber es kann auch nicht angehen, dass ich den halben Tag und/oder Abend auf Shpock, Kleiderkreisel, Amazon oder sonstwo verbringe, um Schnäppchen zu jagen, die ich im Endeffekt natürlich gar nicht brauche (das “Schnäppchen” per se ist in den seltensten Fällen lebensnotwendig, denn Lebensnotwendiges zu shoppen macht in den ebenfalls seltensten Fällen Spaß – man möge nur an all die Besuche im Supermarkt denken, wo uns kaum die Sonne aus dem Arsch scheint in Anbetracht der schieren Freude des alltäglichen Lebensmitteleinkaufs … ).

Abwechslung muss her, ein langsames Heranführen an den Dissertationserfolg im Idealfall, ein Verlassen ausgetretener Kompensationsshoppingpfade im Mindesten. Um so weit zu kommen, gilt es, erstmal Ursachenforschung zu betreiben: woher kommt das “Kompensations” vor dem “Shopping” und warum braucht es sowas überhaupt? Natürlich bin ich nicht Wonderwoman und muss meine Unsicherheiten und anderen psychischen Ausfallserscheinung irgendwo abladen, aber warum soll das ausgerechnet bei Kleiderkreisel, Amazon und Co. sein?
Zum einen verdiene ich seit einigen Monaten das erste Mal seit Jahren wieder mal richtig nett, was mich wohl zu konsumtechnischen Hochsprüngen verleitet; zum anderen mag ich die Schnäppchenjagd und kann mich durchaus in etwas verbeißen, dass ich dann UNBEDINGT haben will, komme was wolle – aber immer günstig. Und weil ich es dabei auch gerne nachhaltig günstig habe, geht es tage- und wochenlang rundum auf den Flohmarkt-Apps, bis das Ziel erreicht ist. Nachdem ich derzeit mein inneres Kind mit der Geschichte von “Kikis kleiner Lieferservice” füttere, braucht es dafür auch das richtige Ambiente – für große rote Maschen im Haar bin ich ein bisschen zu schüchtern, für Sticker, Tassen, Comics und BluetoothLautsprecher in rot-orangem Radioformat aber nicht. Und weil es dieses beispielhaft herangezogene Innere-Kind-Wellness-Package nur Firsthand gibt, kostet das auch – Geld und CO2-Fußabdruck.

Wie also ausbrechen aus diesem Teufelskreis? Erstmal einen Schritt zurücktreten: nach der Ursachenforschung kommt das Bemühen um anderweitige Kompensation. Da ich mittlerweile alt genug und ausreichend lange psychisch-seelisch challenged bin, um zu wissen, dass auch die Psyche auf mindful reprogramming anspricht – unterschiedlich erfolgreich und nachhaltig, aber erstinstanzlich mal immerhin und auf jeden Fall – muss ich nun “einfach” nur mal einen netten Weg zu alternativen Beschäftigungsformen finden. Je länger man etwas nicht macht, umso weniger denkt man daran – basiert beim Rauchen-Aufhören auf dem gleichen Prinzip wie beim Ernährung-Umstellen oder anderen guten Vorsätzen, mit ähnlich variablen Erfolgsaussichten. Aber das soll dem Enthusiasmus per se keinen Abbruch tun. Letzte Shoppingeroberungen trudeln in den kommenden Tagen des frühen Aprils ein, neues soll – mit Ausnahme von tatsächlich benötigtem oder Büchern – vorerst mal nicht nachwachsen, hoffentlich. Aus diesem edlen Vorsatz folgt nun die Kardinalfrage:

Wie vorgehen?

Zu Beginn lösche ich erstmal alle Shoppingapps, die ich irgendwo habe; da noch ein paar Verkaufsangebote von mir auf einer Flohmarktapp rumschwirren, darf die bleiben; sollte sich das aber als zu große Verlockung herausstellen (Stichwort: mangelnde Disziplin), wird die auch gelöscht und es geht ein wenig umständlicher am Computer weiter … Weiter möchte ich in meinem Bullet Journal genau Buch über meine Ausgaben führen. Die Erfahrung zeigt, dass es mir immer furchtbar peinlich und unangenehm ist, zu viel Geld für Unnützes auszugeben – wenn ich es denn auch aufgelistet sehe. Das fällt beim Onlineshoppen oft aus und soll nun nachgeholt bzw. nachgetragen werden. Möge die Macht der Scham mit mir sein …

Und dann geht’s ans Reprogramming: mehr Sport, egal ob zu Hause oder im Fitnessstudio; mehr Lesen, denn Borges wusste schon zu sagen: “Lesen ist Denken mit anderem Gehirn” – klingt doch spannend; mehr machen – ob schreiben, nähen, umräumen, whatever, aber nicht mehr stundenlang rumsitzen und Schnäppchen schnappen, die keiner braucht; entspannen – meditieren (jaja, klingt eso, ist aber so: hilft tatsächlich ungemein, mal mehr und mal weniger, aber immer gut), bei Bedarf auch mal ein Nickerchen, mal ein bissle Masterclass oder ähnliches kucken; und nicht zu vergessen: auch endlich mal wieder ein bissle dissertieren, damit das auch mal ein Ende findet …

Als denn, dann wollen wir mal. Und nein, das ist KEIN (verspäteter) Aprilscherz …

Minimalistisch planen: das Bullet Journal

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Der Klassiker, Moleskine dotted, den ich vom Format her sehr fein finde, auch wenn die meisten Stifte schon recht durchscheinen. Fürs nächste Bujo habe ich schon ein Dingbat Notebook bestellt, da soll anscheinend weniger durchscheinen – ich bin mal gespannt, bis jetzt finde ich auch das Moleskine ganz ok.

Also eines mal gleich vorweg: wie minimalistisch bzw. nicht-minimalistisch ein/e jede/r von uns plant, hängt natürlich grundsätzlich weniger vom Planungsmedium, sondern mehr von der Fülle an Planungsmaterial ab. Somit ist der Titel zwar gut gemeint und thementechnisch wegweisend, trotzdem aber auch ein wenig irreführend. Was ich damit vor allem verdeutlichen will, ist der Umstand, dass das offene Konzept eines Bullet Journals individuelle Interpretationen der Handhabung ermöglicht, innerhalb derer sich mein “minimalistisch planen” wiederfindet. Als denn, damit wäre das mal geklärt. :-)

Das mit dem Bullet Journal an sich habe ich schon vorletztes Jahr mal für einige Zeit probiert, damals allerdings eher ein wenig halbherzig, vor allem im Vergleich zu jetzt. Ein altes Notizbuch, das ich mal bei Aldi gekauft hatte, ein paar Youtube-Videos mit Anleitungen und Tipps und der Eindruck, dass ein Bullet Journal für manche mehr eine graphisch-malerische Berufung denn schlicht ein Organisationstool ist (was an sich nichts schlechtes sein muss, mich aber damals mit meinem eher, ähm, reduzierten und wenig kreativ-farbenfrohen Design völlig überfordert hat), und das war’s. Ich fand die Bullet Journals der anderen alle ganz wunderbar und schrecklich praktisch, mein eigenes jedoch nicht. Was dem Erfolg des Versuchs dann eher abträglich war.

Nun also ein neuer Versuch, diesmal sogar mit einem eigens dafür angeschafften Notizbuch (Moleskine dotted) und mit mehr Freude am allgemeinen und gestalterischen Schaffen. Ziel der Unternehmung – und damit auch der Grund, warum ich überhaupt irgendwas als “minimalistisch planen” betitle – ist die Vereinigung all meiner Notizbedürfnisse in einem Buch. Das meint Kalendar, To-Do-Listen, Wunschlisten, Blogideen, Textideen, Arbeits/Dissertationsnotizen und auch Tagebuch – alles in einem. Das bedeutet natürlich zum einen, dass dieses Bullet Journal nach ein paar Monaten bereits voll sein wird (aktuell bin ich seit etwa Mitte Juni dabei und bereits auf S. 100 von insgesamt 225 Seiten), was weiterführend auch heißt, dass ich manch wichtige Notiz (etwa meine Wunschbücher, meine “What to cook”-Liste u.ä.) öfter in ein neues Buch übertragen werde müssen als andere, die für manches getrennte Notizbücher führen; zudem werde ich auch in vergleichsweise kürzerer Zeit mehr Journals ansammeln (und auf diese doch irgendwie besser aufpassen müssen, da ich ja auch sehr persönliche Tagebucheinträge reinpacke…). Andererseits bedeutet das für mich und mein ADHS-Hirn aber vor allem eines: alles an einem Platz. Wenn ich eine Notiz suche, weiß ich jetzt, wo ich suchen muss. Wenn ich was notieren will, gibt es jetzt den einen und einzigen Platz, wo ich das tue. Mein Dissertationsnotizbuch ist auch noch nicht ganz voll, deshalb kommen die Studinotizen inzwischen noch da rein; wenn das dann auch mal voll ist, dann kommt auch alles zur Diss ins Bullet Journal. Damit versuche ich, die Königin des Zettelwerks und der freilaufenden Post-Its, dem Chaos in meinem Kopf und um mich herum Herrin zu werden… minimalistisch und ADHS-freundlich. Mit einem Labelmaker kann ich den Zeitraum, in welchem das betreffende Notizbuch im Einsatz war, am Buchrücken notieren und habe so dann auch Anhaltspunkte, um mich auf etwaiger Notizsuche orientieren zu können.

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Wie man sieht: Doodling und Hand Lettering ist (noch) nicht so meines, aber an sich macht die Sache auch verspielt Spaß.

Bis jetzt lässt es sich mal ganz gut an, ich nutze mein neues Bullet Journal seit etwa Mitte Juni (genauer gesagt, seit dem 11. Juni) und bin richtig glücklich damit. Vor allem der Umstand, dass ich jetzt nicht mehr gefühlte 50 Notizbücher für jeden gedanklichen Hasenfurz habe, sondern alles an einem Platz vereint ist, erleichtert mir meine Abläufe und freut mich auch irgendwie richtig – wer das Gefühl kennt, seiner Zeit und seinem Leben ständig hinterherzulaufen, wird vielleicht verstehen, was ich meine … Neben den klassischen Kalender-Layouts für den jeweiligen Monat und die Wochen habe ich bis jetzt in jeden Monat auch noch ein “Gratitude Log” und ein “Spending Log” inkludiert, die es zwar noch nicht so weit geschafft haben, dass ich damit ganz brav täglich arbeite, aber manch gut Ding will noch mehr Weile haben, deshalb werde ich das jetzt auf jeden Fall noch einige Zeit so mitgestalten. Die Habit- und Moodtracker funktionieren da schon besser, was aber wohl auch darauf zurückzuführen ist, dass ich immer interessiert daran bin, mögliche Muster hinter meinen psychischen Befindlichkeiten zu entdecken, die mir das Leben mit mir selbst jenseits diverser Medikationen erleichtern (weshalb gerade auch so ein “Gratitude Log” vom Konzept her – den Fokus auf die positiven Dinge zu legen – sehr wichtig und gut für mich wäre). Neben diesen praktischen und klassischein Layouts eines Bullet Journals packe ich noch alle möglichen Listen, Ideen für Stories oder eben Blogposts, wichtige Gedanken und auch Tagebucheinträge in mein neues Bujo. Und auch wenn das recht viel zu sein scheint für ein einziges Notizbuch, so fühle ich mich mit dieser meiner Umsetzung des Konzepts richtig wohl. Vorerst mal zumindest, mal sehen, was noch kommt. 

Das Notizbuch passt größentechnisch in die meisten meiner Taschen und in meine Rucksäcke, ich kann es also fast immer überallhin mitschleppen und habe immer genau das richtige Notizbuch mit – ein völlig neues Lebensgefühl. Wenn nichts anfällt, dann setze ich mich abends meist kurz mal hin, um die kommenden Tage zu planen und zu strukturieren, was demnächst so ansteht. Und wenn ich es mal einen Abend nicht mache, dann bricht die Welt auch nicht zusammen, es geht schließlich nicht um ein perfektes System, sondern um eines, das für mich funktioniert. Und das tut es bis jetzt mal …

Gelesen: “Einfach leben” von Lina Jachmann

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Ich bin bei Literatur, die auch nur ansatzweise in die klassische Selbsthilfe/Improve-yourself-Richtung gehen könnte, immer ein wenig vorsichtig: Vieles ist mir persönlich zu spirituell, esoterisch oder dogmatisch, sodass ich es, selbst wenn die Idee an sich interessant erscheint, schlicht kaum ernst nehmen und noch weniger umsetzen kann (oder will). Zudem bin ich zwar immer neugierig und habe Spaß daran, neue Dinge zu lernen, aber ich schätze die Freiheit, für mich selbst zu entdecken und auszuprobieren, was mir gefällt und was nicht. Finde ich also nur dann “In 30 Tagen zu höheren Seelensphären”, wenn ich täglich drei Stunden Kopfstand mache, dabei ein fünfstrophiges Mantra singe und im Anschluss noch ein Stündchen mit Apfelessig gurgle, damit es mir den Nebel aus den Chakren weht, dann hat meine Seele leider Pech und muss ihren schnöden Alltag in der Ebene weiterfristen. Da bin ich stur.
Fernab von jeglicher Dogmatik und Besserwisserei bietet Lina Jachmann aber einen offenen Zugang zum übergeordneten Konzept des Minimalismus und seinen unterschiedlichen Spielarten. Und womöglich genau wegen dieser Offenheit, die sich für mich auch in einer Leichtigkeit von Text und Layout wiederfindet, habe ich mich in dieses Buch verliebt, das mir in erster Linie eigentlich nur eine Orientierungshilfe sein sollte bei einem Thema, mit dem ich schon lange geliebäugelt habe, für das mir aber immer der Name gefehlt hat und dessen Facetten ich ein wenig genauer kennenlernen wollte. Das ist auch geglückt. Das und noch viel mehr.


Neuen Welten erkunden

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Bei ihrer Einführung in das, was gemeinhin als minimalistischer Lebensstil in den unterschiedlichesten Varianten gesehen werden kann, geht Jachmann systematisch vor und stellt in verschiedenen Abschnitten das Verhältnis von Minimalismus und Wohnen, Mode, Körper und Lifestyle vor, die wiederum in kleinere Kapitel unterteilt sind. Dabei erinnert die graphische Gestaltung des Buches durchaus an ein stilvoll und eben minimalistisch gestaltetes Lifestylemagazin im gehobenen Preissektor, was ansprechend und auch vertraut wirkt und zu dieser besonderen Leichtigkeit des Buches beiträgt. Allerdings war das für mich auch einer der Hauptgründe, warum ich erst einmal wochenlang um das Buch rumgeschlichen bin, bevor ich es dann doch gekauft habe. Ich kaufe Bücher meist gebraucht, in der Regel aus finanziellen Gründen, aber durchaus auch, weil ein tolles Buch nicht unbedingt auch ein neu gedrucktes Buch sein muss – gebraucht ist genauso gut. Die Frage, ob ich aus purer Freude an der Neugier über 20 Euro für ein neues Buch ausgeben soll, das mich dann womöglich mehr an die Lifestyle-Beilage der Glamour erinnert, als mich wirklich glücklich zu machen, hat mich tatsächlich sehr beschäftigt; schlussendlich hat die Neugier gesiegt und ich wurde nicht enttäuscht.

Dabei ist natürlich nicht alles gleich interessant, das wäre auch unmöglich. Mein seit Jahren schwelendes Bedürfnis, beständig auszusortieren, auszuräumen und weiter(weg)zugeben wurde in dem Abschnitt zum Thema “Minimalismus & Wohnen” bestärkt, wenngleich eine Reduktion meiner Besitztümer auf “nur” 50 Teile pure Utopie ist, egal wie sehr ich ausgeräumte und aufgeräumte Flächen, Plätze und Ecken genieße. Bei 50 Teilen habe ich nur Bücher und nix zum Anziehen dabei, also nicht unbedingt sehr allgemeinverträglich (und ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt, egal wieso). Dabei hat mir Lina Jachmanns Buch nicht nur Ideen und Inspiration geschenkt, sondern so manchem Gedanken auch endlich einen Namen und einen Platz gegeben und mich erkennen lassen, dass diese Sehnsucht nach dem Simplen, Einfachen, Überschaubaren kein Zeichen meiner individuellen psychischen Unzulänglichkeiten ist, sondern etwas, das viele verschiedenen Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen kennen, nachfühlen können und manchmal sogar leben.


Keine Modeopfer mehr

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Der Abschnitt “Minimalismus & Mode” wiederum hat mir in mehrfacher Hinsicht die Augen geöffnet. Ich bin keine besondere Modemaus, weil ich für Trends oft zu geizig und desinteressiert bin; “geizig” meint hier auch nicht zwingend, dass Mode immer billig sein muss, sondern vielmehr, dass ich lieber zeitlose Sachen kaufe und länger was davon habe, als fashionmäßig immer an vorderster Front mitzumischen und dann nach einer Saison auf Hochwasserhosen in mäßig vorteilhaftem Schnitt sitzenzubleiben, die ich nicht mehr tragen mag, weil Trend vorbei oder ähnliches (dabei geht es jetzt aber bitte nur um mich, grundsätzlich machen das alle so, wie es ihnen Spaß macht, nur im Idealfall eben mit mehr Weitblick als grad mal bis zu nächsten Influencer-Modestrecke). Jachmanns Ausführungen zu Fair Fashion, Capsule Wardrobe, Secondhand und zum Projekt 333 (um nur einiges zu nennen) haben mir verdeutlicht, dass ich beim Kauf meiner Klamotten in Zukunft gerne auf mehr achten möchte als nur auf den Preis – auch wenn der natürlich trotzdem wichtig bleibt und ein überschaubares Einkommen einem dann vielleicht auch zeigen kann, was man nicht alles mit dem machen kann, was man schon zu Hause hat. Ich nähe zum Beispiel höchst dilettantisch, aber trotzdem gerne selbst und habe so auch immer wieder Ideen, wie ich aus etwas Altem, das ich nicht mehr gerne trage, was Neues machen kann (vielleicht besser: könnte, denn zwischen meinen Nähideen und meinen Nähkompetenzen liegen doch schon auch mal Welten …). Um die Zahlen jener Menschen, die für unsere Trendkultur den Preis zahlen und so zu wortwörtlichen “Modeopfern” werden, zunehmend zu verringern, bietet Einfach leben zahlreiche Anregungen und auch praktische Tipps mit Blog- und Onlineshopadressen für faire und nachhaltige Mode – ein erster Anreiz also, um ohne großen Aufwand mal hineinschnuppern zu können.


Ein Rundumpaket an neuem Wissen

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Das auch ein Lieblingsbuch nicht immer nur den eigenen Interessen entspricht, tut der Begeisterung keinen Abbruch. Da ich mich noch nie wirklich für Kosmetik oder auch Kochen interessiert habe, diese Themenbereiche aber durchaus auch auf äußerst interessante und vielseitige Art und Weise mit Minimalismus verknüpft werden können, finde ich auch bei Jachmann Abschnitte, die ich mehr überfliege denn aufmerksam lese. Das macht aber auch nichts, denn schließlich weiß ich nun, wo sich die optimalen Informationen finden, sollte mich das Thema plötzlich doch interessieren, und schon zu Schulzeiten hieß es doch immer so schön: “Bildung heißt, wissen, wo was steht!” (oder so ähnlich).

Die Tipps bezüglich der “Pflanzen für Minimalisten” fand ich interessant und wir haben nun auch tatsächlich einen Bogenhanf im Schlafzimmer stehen, die Anmerkung, dass die NASA eine Pflanze pro zehn Quadratmeter empfiehlt, ergibt für mich dann allerdings ein grünes Zuviel, das mit meiner Freude an der freien Fläche kollidiert. Zudem leben wir seit zwei Jahren in einer Wohnung mit Fußbodenheizung, und ich habe noch nicht die optimale Überwinterungsstrategie für unsere grünen Freunde gefunden (sprich: wildes Waldsterben im übertragenen Sinne …). Und auch Bambuszahnbürsten und wiederverwendbare Abschminkpads haben inzwischen den Weg in unser Badezimmer gefunden. Diese Dinge hätte ich vielleicht früher oder später mal durch Zufall entdeckt, aber Einfach leben hat den Entdeckungsprozess definitv vereinfacht.


Minimalismus = Öko = Was denn noch alles?

Meine ursprüngliche Sehnsucht nach Weniger liegt vor allem in meiner mentalen und psychischen Vorgeschichte begründet. Wenn Angst, Panik und Depression die eigene Welt erst verkleinern, um sie dann neu geordnet wieder an anderen Ecken zu öffnen, dann ist der Blick für die eigenen Bedürfnisse deutlich geschärfter. Dementsprechend habe ich nach einigen Jahren, in denen ich an vielem aus purer Verlustangst festgehalten habe, meinem noch dringenderen Bedürfnis nach Klarheit, Struktur und Übersicht nachgegeben und sortiere seit fast ebenso vielen Jahren umfassend aus. Wie schon zuvor beschrieben, habe ich vor allem durch Lina Jachmanns Buch nun Namen für so manches, was ich mache, machen möchte, oder mich einfach auch interessiert. Dass Minimalismus selbst abgesehen von den Designströmungen in Kunst und Architektur noch so viel mehr sein kann, wenn man es denn herausfinden möchte, hat mich überrascht und in machen Zusammenhängen auch überfordert. Das hängt aber mehr mit meiner “Alles oder nichts”-Haltung zusammen und wird mal an anderer Stelle genauer beschrieben – schließlich kann die Autorin nichts dafür, dass ich das mit Katharsis, Befreiung und Neuanfang manchmal etwas gar zu wörtlich meine …
Wie “öko” ich und wir noch werden, steht in den Sternen. Für ein veganes Dasein reicht es schon mal nicht, denn abgesehen von meinem absoluten Desinteresse an Essen und Kochen gibt es leider kein Allzweckmittel zu Planetenrettung, auch nicht Veganismus. Eine Wurmbox zum Kompostieren unserer Bioabfälle im Wohnzimmer kann ich mir leider auch nicht vorstellen, schlicht auch, weil ich nicht noch mehr Zeugs rumstehen haben möchte. Und meine Zahnpasta mache ich lieber auch nicht selbst, diverse Horrorstories auf Instagram von abgeschmirgeltem Zahnschmelz und ähnliches zeigen mir die Grenzen meiner Wissbegier klar auf (wo ich doch – wie könnte es anders sein – Angst vorm Zahnarzt habe).

Als denn: wer Tipps sucht, wie man ein Schäufelchen zu einem für Mensch, Tier und Planeten verträglicheren Leben beitragen kann, wird bei Einfach leben von Lina Jachmann fündig werden. Dabei bleibt es allen selbst überlassen, was man mitnimmt, weiterdenkt oder umsetzt. Diese Offenheit des Buches selbst spiegelt die Offenheit eines Konzeptes wieder, welches in erster Linie mal ein Leben leichter machen soll – für einen selbst und alle(s) um eine herum …

 

Alltägliche Vergesslichkeiten: Lebensmitteleinkauf für Fortgeschrittene

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Zeugen unnötiger Lebenmitteleinkäufe: die Avocado soll seit einer Woche zu einem Aufstrich verarbeitet werden und die Tomaten ruhen sanft in einem Plastikbettchen. Aber immerhin gibt es selbstgemachtes Bärlauchsalz (wer ungern kocht, würzt umso sorgfältiger…).

Der Alltag bringt in der Regel die beste Inspiration und mit dem Bedürfnis, über dieses Thema mal was zu schreiben, spiele ich schon seit Wochen (eigentlich Monaten; aber so lange gibt es diese Seite ja noch nicht mal …). Nachdem ich dann auch noch einen sehr interessanten und inspirierenden Post zu dem Thema von Herrn Schwarz auf aminimalistpoc.wordpress.com lesen durfte (sehr zu empfehlen und hier zu finden!!), hab ich jetzt all meine verfügbare Konzentration und Muße zusammengekramt, mein Kopfchaos beiseite geschoben und lasse mich über meine eigenen Unzulänglichkeiten aus, diesmal in Bezug auf einen wichtigen Aspekt des schnöden Alltags: Lebensmittel einkaufen.

Bei Lebensmitteln bin ich an sich von Natur aus minimalistisch, weil mein Repertoire an Kochkompetenzen überschaubar ist (höflich umschrieben) – ich koche nicht so gerne, weil mir das einfach keinen Spaß macht. Dementsprechend interessiere ich mich auch nicht für Essenstrends, fancy neue “Superfoods”, “energy tea” oder “das Gold der Mayas”, was aber auch daher kommt, dass ich selbst immer mal wieder beruflich Marketingluft schnuppern darf und mir davon schon schlecht genug wird, auch ohne neuestes Lebensretterkorn. Und ich schreibe das hier jetzt auch nicht, weil ich hier überkritisch, superklug und super-hinter-die-Kulissen-blickend oder was derartiges bin; ich interessiere mich ehrlich nicht für Essen. Tolle Gewürze, schicke Zubereitungsmethoden, Garzeiten, Spezialzutaten: nicht meine Welt. Ich esse gerne was leckeres, aber für mich ist Mozzarella mit Tomaten und frischem Basilikum auch schon lecker, da brauche ich nicht mehr. Mein gelebtes Desinteresse heißt aber auch nicht, dass ich nur von Fertigzeugs und Lieferservice lebe, ganz im Gegenteil; ich verstehe Nahrung als Treibstoff für meinen Körper und versuche immer gut darauf zu achten, dass ich meinen Körper möglichst gut und wertig “betanke” – nur die Extras, also Waschanlage, Felgen polieren und regelmäßiger Ölwechsel, die fehlen eben.

Fleischlos glücklich – simple living?

Ich bin heute ganz bewusst Vegetarierin, was für mich aber keine allzu große Umstellung war, da ich an sich nie viel Fleisch gegessen habe. WENN überhaupt regelmäßig Fleisch am Speiseplan stand dann nur, weil ich gerade mit jemandem liiert war, der gerne Fleisch aß UND kochen konnte – ich selbst habe nie gerne Fleisch verkocht, konnte es auch nie wirklich gut und habe es deshalb ausgesprochen selten gemacht. Ich war eher noch an der Snacktheke zuhause, hier mal ein Schinkenbrötchen, dort mal eine Leberkässemmel (hatte ich vorhin nicht etwas von “wertigem” Treibstoff geschwafelt? Tja …), das war mein Fleisch. Mit der Umstellung auf ein bewusstes vegetarisches Leben vor ein paar Monaten haben sich für mich und den Held meines Herzens also vor allem unsere Einkaufsgewohnheiten und weniger unsere Kochabläufe verändert. Und genau hier liegt auch der Tofuhund begraben, sozusagen.

Die Auseinandersetzung mit Minimalismus, einem bewussteren Umgang mit den Dingen in meinem Leben und deren Qualität hat natürlich auch dazu geführt, dass ich und wir nun mit mehr Bedacht unsere Lebensmittel einkaufen. Das meint nicht nur bio, fair oder regional, sondern auch Verpackungsmenge und -art und Menge an sich. Es gibt Dinge, die ich zwar mag, aber nicht mehr kaufe, weil ich das Zuviel an Plastik drumherum einfach nicht mehr akzeptieren will. Die stärkste Stimme, die ich als Konsumentin habe ist jene der ehemaligen Konsumentin – was mir nicht passt, wird nicht mehr gekauft. Ich kaufe nicht mehr im Vorratspack, weil ich nicht mehr so viel wegwerfen will und es auch nicht mag, wenn überall was rumsteht und alles vollgeräumt ist – wir wohnen in der Innenstadt, in einem Radius von 10 Minuten Gehzeit erreichen wir sechs Lebensmittelläden, darunter auch einen Biosupermarkt. Ich muss also nicht vier Tonnen Nudeln/Reis/Kartoffeln horten, nur weil ich grad mal wieder bei Aldi war. Wo ich übrigens einige Nudelsorten auch nicht mehr kaufe, weil darin Eier aus Bodenhaltung enthalten sind …


Was ist mir jetzt wirklich wichtig?

Womit wir schon beim nächsten Thema wäre: wo differenziere ich, was beachte ich, wann fällt es mir auf und welche Konsequenzen ziehe ich daraus? Das mit den Eiern aus Bodenhaltung in den Aldi-Nudeln ist mir erst vor einiger Zeit aufgefallen, obwohl es sehr wahrscheinlich schon seit Jahren schön leserlich mitten auf der Verpackung steht. Bananen kaufe ich immer noch, trotz langer und entsprechend klimaschädlicher Transportwege, weil sie als Energiespender beim und nach dem Sport für mich Gold wert sind und die beste natürlich Basis für Smoothies, die ich kenne; und wenn ich richtig hungrig und planlos einkaufen gehe, dann habe ich am Ende immer irgendwas fleischloses in einem Plastikbehälter in der Hand, egal wie gut und gesund meine Vorsätze waren. Vorletztes Jahr habe ich im örtlichen Unverpacktladen ein paar Obst- und Gemüsenetze gekauft, damit ich in Zukunft auf die kleinen Plastiktüten beim Obst- und Gemüsekauf verzichten kann. In eineinhalb Jahren hatte ich die Teile gerade mal bei vier Einkäufen dabei, einmal sogar umsonst. Ich habe den Griff zur Stofftasche für meine Einkäufe über die Jahre verinnerlicht und nehme vielleicht dreimal im Jahr eine Tüte im Supermarkt, weil es nicht anders geht; meine Gemüsebeutelchen liegen immer schön bereit auf der Kommode im Flur, während ich im Supermarkt stehe und mir nur kurz denke: “ach shit!”. Alltägliche Gedankenlosigkeit, die mich wahnsinnig ärgert. Natürlich ist das keine schlichte Gleichgültigkeit, sonst hätte ich mir – auch mit Blick auf meine Freude am zunehmend reduzierten Leben – die Teilchen nicht ins Haus geholt. Wenn ich mit mir nicht allzu streng sein will dann weiß ich auch, dass ich einfach furchtbarFURCHTBAR zerstreut bin und das bei mir nomal ist – manchmal kann ich meine eigenen Sätze nicht beenden, weil ich nicht mehr weiß, was ich eigentlich sagen wollte. ABER es ist nicht Sinn und Zeck der Sache, hier ständig Ausreden für das ADHS-Hirn zu finden. Fakt ist, dass alltägliche Vergesslichkeit dazu führt, dass gute Vorsätze das bleiben, was sie sind: Vorsätze.
Ich werde mir die Gemüsebeutelchen in Zukunft mit der Einkaufstasche zusammenpacken, dann funktioniert das hoffentlich besser. Einen Versuch ist es mit Sicherheit wert. Mein Fokus liegt in erster Linie auf einem reduzierteren, klareren “Sein”, auch wenn das jetzt esoterischer klingt, als mir lieb ist (und Esoterik ist mir gar nicht lieb, ich bin Atheistin und gänzlich unspirituell, ich hab mit den weltlichen Angelegenheiten schon genug zu tun …). Was ich damit meine ist vor allem, dass es mir leichter fällt, mich selbst und meinen Alltag zu organisieren, je weniger unnötiges Zeugs anfällt und um mich rum ist. Und dazu gehört im weitesten Sinne natürlich auch der Alltag in der Küche und all das Drumherum. Küchenutensilien ausmisten ist eines, und das habe ich auch schon längst erledigt; zu erkennen, dass die Welt und das eigene Konto nicht zusammenbricht, wenn man nicht bei jedem Supersparangebot eines Lebensmittels, das man theoretisch gerne isst, sofort dreifach zuschlägt, nur um dann die Hälfte wegzuwerfen, zu verschenken oder drei Jahre im Küchenschrank zu lagern, ist was anderes und ein ganz entscheidender Fortschritt, so banal es klingen mag. Weniger ist mehr, und verhungert sind wir bis jetzt auch noch nicht. Läuft doch schon mal ganz okay.

 

Loslassen – endlich: von alten Geschichten und neuen Erkenntnissen

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Das Foto oben zeigt ein recht wichtiges Häufchen meiner Vergangenheit, fein säuberlich zerrissen und zusammengekehrt; das ist der Großteil meiner Schreiberei, die ich im Alter von 17 bis etwa Mitte 20 verbrochen habe, und die Umschreibung “verbrochen” trifft es in Teilen tatsächlich am besten. Ich war nie sonderlich fanatisch interessiert an etwas: Musik habe ich immer gerne gehört, aber ungern selbst produziert – Ausflüge in Gitarre- und Klavierstunden haben mich Ehrfurcht, aber keine musikalische Passion gelehrt –, und um die mütterlichen Träume von der Karriere auf den Ballettbühnen dieser Welt zu erfüllen, war ich zu pummelig und tollpatschig (Stichwort “trächtige Elefantenkuh”). Für die bildnerische Kunst war ich zwar zu begeistern, aber nur bedingt kreativ genug (schon mal Kataloge für moderne Kunst gelesen und nicht geweint dabei?), und generell war ich meist zu ungeduldig, um etwas von der Pike auf zu lernen. Nur gelesen habe ich immer schon gerne, und weil ich das geschriebene Wort gerne konsumiert habe, habe ich es auch immer gerne selbst produziert (was auch erklären mag, warum ich einfach gerne vor mich hinblogge). Mein Leben schreibend zu dokumentieren, durchaus auch als Geschichte verpackt, das begleitet mich schon seit meinem vierten Lebensjahr, als ich meinem Onkel die Geschichten diktieren musste, weil ich noch nicht selbst schreiben konnte … (vielleicht habe ich ja doch eine kleine Passion, wer weiß).

Mit Ausnahme der letzten paar Jahre habe ich meist dann besonders viel geschrieben, wenn es mir nicht besonders gut ging. “Viel” ist in diesem Fall nicht gleichzusetzen mit “gut”, aber es heißt ja im allgemeinen immer, dass nur die Übung die Meisterin macht und natürlich war auch bei dem vielen das ein oder andere dabei, das durchaus verwertbar war – was wiederum nichts heißt. Das Alter zwischen 17 und 19 hat mir nicht nur einen Wechsel ans Abendgymnasium und den frühen Auszug aus dem familiären Zuhause beschert, sondern dank allgemeiner Seelchenwehwehs eine satte Sammlung an Gedichten, die einmal mehr beweisen, dass Lyrik nicht meine Welt ist – passiv schon nicht, aber aktiv nochmal viel weniger… Gücklicherweise wusste ich das tatsächlich immer und auch damals schon, weshalb ich diese Verbrechen an der linguistischen Grundästhetik auch nie jemandem gezeigt habe. Die Kurzgeschichten sind zwar ein wenig erträglicher, aber trotzdem bin ich in der Retrospektive froh, dass ich zu feige war, hier irgendwas an einen Verlag zu schicken, um dort das Ästhetikempfinden eines Lektoratspraktikanten mit meinen kreativen Ergüssen zu beleidigen. Den allgemeinen Weltschmerz haben seit Goethe und Poe schon viele mal mehr mal weniger bestechend zu Tode geritten, da hat meiner wirklich nicht gefehlt…

Doch trotz dieser klaren Erkenntnis, habe ich meine gesammelten Ergüsse seit gefühlten (und fast schon tatsächlichen) Jahrzehnten mit mir herumgeschleppt, bei jedem Umzug, manchmal sogar in Urlaube, zur Arbeit oder in die WGs diverser Lebensphasenabschnittsgefährten – immer hoffnungsfroh, dass sich aus dem Zeugs was machen lässt. Die späten Zwanziger mit Antidepressiva, Therapie und Arbeit an mir selbst haben mich dann erkennen lassen: Nö. 95 Prozent nö. Manche Idee vielleicht ganz nett, aber ansonsten nö. Die Erkenntnis war auch nicht mal sonderlich schlimm, denn vieles von dem, was ich da so produziert hatte, konnte ich schlecht weiter bearbeiten, weil es zu nahe an mir war, und dieses ich, dem es nahe war, war mittlerweile weit weg. Zum Glück. Aber wir kennen es alle: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Oder vielleicht war es auch der Nostalgiefaktor des Geschreibsels – diese Sehnsucht nach einfacheren Zeiten, als Charles Bukowski noch mein Idol war und mir alle Geschichten nach zwei Bieren flockig von der Hand gingen (mit origineller Orthographie ab dem fünften Bier, weil: Buk ist der Meister, ich war nur Novizin), alles easy cheesy wonderful. Auf jeden Fall hat auch mein eindeutiges “nö” nicht dazu geführt, dass ich mich von diesem Haufen an gesammelten Schreiberfahrungen getrennt hätte. Es war irgendwie Teil von mir, bei manchen Geschichten wusste ich noch genau, wie sie entstanden sind, ein Bier links neben dem Laptop, ein großer, halbvoller Aschenbecher rechts davon, Kippe in der Hand, und ab ging die Luzi. Ich hätte es als Verrat an meinen Träumen und Hoffnungen empfunden, wenn ich diese alten Papiere, diese alten Geschichten, diesen ganzen alten Wahnsinn, einfach weggeworfen hätte.

Bis vor ein paar Tagen. Zwei Ordner voll zeigt der Haufen in dem Bild oben, fein säuberlich zerrissen, weil es das einfach brauchte, diesen katharsischen Effekt der Zerstörung als eine Art von Verabschiedung. Nichtsdestotrotz ist alles weg bis auf zwei neuere Geschichten und ein paar Kommentare, die ich damals in der örtlichen Straßenzeitung veröffentlichen durfte (das ist glücklicherweise schon so lange her, dass sich außer meiner Mutter und mir kein Mensch mehr daran erinnern kann). Von zwei Foldern auf ein kleines Klappmäppchen – ein Befreiungsschlag. Nach mehreren ersten Schritten in Richtung Decluttering und Ausräumen bin ich in dem ganzen Minimalismus-Ding mittlerweile natürlich auch so weit fortgeschritten, dass es in einigen Bereichen ans eingemachtere geht, weswegen dann diese Regalleichen auftauchen. Und nach all den Jahren, in denen ich treudoof meinen verschriftlichten Weltseelenherzschmerz mit mir rumgeschleppt habe, war auf einmal ganz klar, dass damit jetzt Schluss ist. Digital habe ich das meiste ohnehin noch gespeichert, auch wenn ich mir sicher bin, dass ich es höchstwahrscheinlich nie wieder bearbeiten werde. Doch digital nimmt es mir weder Platz noch Energie, da darf es ruhig bleiben. Beim Anblick des Häufchens Papier in unserem Büro habe ich mich aber richtig befreit gefühlt, als wäre nun wieder Platz für neues, obwohl es das ja immer gewesen ist, so viel Platz haben die zwei Ordner schließlich nicht eingenommen. Aber in den meisten Büchern und Blogs zum Thema Minimalismus liest man immer mal wieder, dass es befreiend wirkt, sich von materiellen Dingen zu trennen, und dem kann ich tatsächlich nur immer wieder zustimmen. Selten habe ich es so deutlich und auch nachhaltig auf mehreren Ebenen – vor allem auch in meinem Inneren – gemerkt wie in Zusammenhang mit diesen uralten Geschichten, die ich nun endlich hinter mir gelassen habe …
Ich habe schon lange keine Geschichten im klassischen Sinne mehr produziert, wer weiß, wann die Zeit dafür wieder einmal reif ist. Ob sie jemals wieder reif dafür ist. Aber immerhin habe ich das befreiende Gefühl, bei Null (oder vielleicht Null-Komma-Null-Fünf) starten zu können, sollte es mich jemals wieder packen. Und das Wissen, dass ich nicht immer alles bis in alle Ewigkeit mit mir rumschleppen muss, nur um mich vielleicht daran zu erinnern, was ich gerne tue und wieder mal tun könnte. Irgendwie startet man ohnehin irgendwie meistens neu, zumindest wenn man etwas schreiben möchte, da muss nicht zuviel Ballast sein.